Trittbrettfahren in Zeiten von Corona

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Psychologie

Freerider

Ärgern Sie sich auch über die Corona-Trittbrettfahrer? Also über die, die sich selbst über alle Regeln hinwegsetzen? Die nicht bereit sind, Masken aufzusetzen, um sich und andere zu schützen?
Oder ärgern Sie sich über diejenigen, die sich sklavisch an die „überflüssigen“ Regeln halten?
Schauen wir uns an, ob uns die Wissenschaft Erklärungen liefern kann. Tatsächlich sind eine Reihe aufschlussreicher Studien bereits zu einem Zeitpunkt veröffentlicht worden, zu dem es bis zum Ausbruch der Pandemie noch 20 Jahre dauern sollte. Daher geht es in den Experimenten auch nicht um die Ausbreitung von Viren, sondern ganz simpel um Geld.

Public-Goods-Spiele

Wie sieht so ein Experiment aus? Sie sitzen mit drei anderen Personen an einem Spieltisch. Zu Beginn des Spiels bekommt jeder 20 Euro. In jeder Runde können kann man von diesen 20 Euro einen Betrag zwischen 0 und 20 Euro in den Gemeinschaftstopf geben. Für jeden gespendeten Euro erhalten die Spieler 40 Cent, egal, wer gespendet hat.
Die erste von 10 Spielrunden startet. Was werden Sie und ihre Mitspieler spenden? Nehmen wir an, Sie entscheiden sich, die Hälfte ihres Startkapitals zu spenden, also 10 Euro. Jetzt sind Sie gespannt, wie viel die anderen in den Gemeinschaftstopf gegeben haben.
Anfänglich läuft das Spiel ganz gut. Alle spenden ähnlich viel, sodass jeder mehr zurückbekommt als er gespendet hat. Nach den ersten Durchgängen fällt Ihnen jedoch auf, dass einer der Mitspieler nichts mehr spendet, aber trotzdem den größten Gewinn einstreicht. Danach gehen die Spenden insgesamt schnell zurück.

Was machen Sie? Klar, Sie reduzieren ihre Spenden auch, da Sie sonst auf der Verliererstraße landen. Nach dem zehnten Durchgang stellen Sie fest: Keiner hat mehr etwas gespendet. Abbildung1

Abb. 1: Beiträge in einem Public-Goods-Spiel mit festen (»Partner«) und wechselnden fremden (»Stranger«) Mitspielern (Gächter, 2006, S. 5)


Altruistische Bestrafungen


Wie kann man das Kollabieren der Spendenbereitschaft verhindern? Vielleicht sollten Sie ihre Mitspieler besser kennenlernen. Oder nach jedem Durchgang kurz mit allen besprechen, wer aus welchen Gründen viel oder wenig gespendet hat. Beides gute Ideen, die aber leider nicht gut funktionieren. Selbst wenn man beide Maßnahmen einführt, steigt die Spendenbereitschaft zwar kurzfristig, fällt dann aber doch in sich zusammen.

Versuchen wir es mit einer radikaleren Regel: Nach jedem Durchgang haben Sie die Möglichkeit, andere Mitspieler zu bestrafen. Allerdings müssen Sie dafür selbst bezahlen: Wenn Sie einen Euro abgeben, muss einer der Mitspieler 10 Prozent von seinem Gewinn zurückgeben. Mit 10 Euro können Sie ihm den gesamten Gewinn abknöpfen. Der wandert dann wie ihre Bestrafungszahlung in den Gemeinschaftstopf. Sie selbst bekommen ihn nicht.
Jetzt passiert Erstaunliches: Die Trittbrettfahrer werden nicht nur von Ihnen, sondern auch von anderen bestraft – was das Zeug hält. Der Erfolg stellt sich umgehend ein: In den weiteren Durchgängen verhalten sich alle ziemlich kooperativ, die Spendenbereitschaft bleibt erhalten!

Abbildung2

Abb. 2: Beiträge in einem Public-Goods-Spiel mit 95-Prozent-Konfidenz-Intervall und zeitlicher Variation der Bestrafungsmöglichkeit (A / B) (Fehr & Gächter, 2002, S. 138)


Man nennt dies „altruistische Bestrafung“, weil der Strafende selbst keinen direkten finanziellen Nutzen hat. Warum bestrafen wir trotzdem? Der Grund liegt in dem Ärger über die Trittbrettfahrer, die sich auf unsere Kosten unfair bereichern. Unsere Belohnung besteht in dem Gefühl, mit unserer Zahlung für Gerechtigkeit gesorgt zu haben – es ihnen „gegeben“ zu haben.
Wenn wir momentan voll maskiert durch eine Innenstadt gehen und uns eine Gruppe unmaskierter Männer entgegenkommt, die rauchen, trinken und sich lautstark unterhalten, empfinden wir genau diesen Ärger. Allerdings fehlt uns die Möglichkeit der Bestrafung. Wenn wir die Polizei informieren, ist die Gruppe längst weg. Wenn wir sie selbst ansprechen, bewirken wir meist wenig.


Antisoziale Bestrafungen

Oft rufen diejenigen, die sich brav an die Regeln halten, bei denjenigen, die dies nicht tun, Aggressionen hervor. Wieso?
Hierzu erbrachte eine weitere Studie interessante Erkenntnisse: In 16 weltweit verteilten Städten wurde das Public-Goods-Game mit Studierenden an Wirtschaftsfakultäten gespielt. Eigentlich interessierten sich die Untersucher für nationale Unterschiede im Ausmaß der altruistischen Bestrafung. Bei der Auswertung stießen sie auf ein interessantes Phänomen: Sie fanden nicht nur altruistische, sondern auch „antisoziale“ Bestrafungen. Als „antisozial“ werteten sie Bestrafungen von Spielern, die selbst weniger gespendet hatten als der Bestrafte.


Abbildung3

Abb. 3: Altruistische und antisoziale Bestrafung in 16 Städten. Rangreihe nach dem Ausmaß antisozialer Bestrafung (Herrmann et al., 2008, S. 1363)


Die Studierenden in Boston (USA) zeigten das geringste, die in Muscat (Oman) das höchste Ausmaß an antisozialer Bestrafung. Bei den acht Orten mit niedriger antisozialer Bestrafungsrate handelt es sich um Städte aus westlichen Demokratien, mit Ausnahme der chinesischen Stadt Chengdu.
Die Autoren verglichen das Ausmaß an antisozialer Bestrafung in den einzelnen Ländern mit bestimmten Maßen, die zur Kennzeichnung von gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Unterschieden gebräuchlich sind. Sie kommen dabei zu dem Schluss, dass antisoziale Bestrafung vor allem in Gesellschaften vorkommt, in denen das Vertrauen der Bevölkerung in die staatliche Ordnung gering und man im alltäglichen Umgang gegenüber Fremden eher misstrauisch ist (vgl. Herrmann et al., 2008). (*)


Derartige Unterschiede lassen sich natürlich auch innerhalb einer Gesellschaft feststellen. Wenn man sich die aktuellen „Querdenken-Demonstrationen“ anschaut, dürfte die Vermutung, dass bei den Teilnehmenden das Vertrauen in die staatliche Ordnung gering ist, wohl zutreffend sein.

Tagesschau

Abb. 4: Deutschlandtrend Extra v. 5.11.2020 ARD Tagesschau

Obwohl die überwiegende Mehrheit der Deutschen die einschränkenden Coronaregeln befürwortet, gingen für 24 Prozent die neuen Maßnahmen „zu weit“. Interessanterweise entspricht dies ungefähr den Anteilen von Freeridern in Studien zu Public-Goods-Games in westeuropäischen Ländern (vgl. Heidbrink, 2008, S. 137).
Natürlich ändert sich der Anteil der Freerider mit den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und den jeweilig in Frage stehenden Regeln. Mit einem mehr oder weniger hohen Prozentsatz an Trittbrettfahrern müssen wir jedoch immer rechnen. Die meisten Gesellschaften tun dies auch: Steuerzahler werden von Finanzämtern, der Straßenverkehr durch die Polizei überprüft und sanktioniert. Wenn der Staat die Einhaltung bestimmter Regeln weder überprüft noch ihre Verletzung bestraft, werden diese über kurz oder lang von vielen nicht mehr beachtet.


Tit-for-Tat

Wir haben gesehen, dass dies nicht am mangelnden guten Willen der Mehrheit liegt, sondern am Ärger über den Unwillen einer Minderheit. Evolutionär hat sich „Tit-for-Tat“ (Wie du mir, so ich dir) als erfolgreiche Strategie erwiesen (vgl. Heidbrink, 2008, S. 141).
In der Spielbedingung ohne Bestrafung führt Tit-for-Tat langsam aber sicher zum Erlöschen der Kooperation, da der am wenigsten kooperative Spieler jeweils die Obergrenze des Gemeinschaftsbeitrages bestimmt. In der Bestrafungsbedingung wird nun genau dieser Mechanismus unterbrochen. Allerdings muss der jeweils Geizigste von Zeit zu Zeit erneut bestraft werden, damit nicht wieder eine neue »Abwärtsrunde« die Kooperationsbereitschaft sinken lässt.

Fromme Wünsche

Was wird die Kooperation in Zeiten von Corona aufrecht erhalten und dauerhaft stabilisieren? Die Hoffnung vieler Politiker, man müsse nur die Regeln immer wieder erklären und „alle mitnehmen“, bleibt ein frommer, leider lebensfremder Wunsch. Ohne Kontrollen und Sanktionen verlieren die Bürger das Vertrauen in den Staat: Eigennutz, Egoismus und Aggressivität werden auf Kosten der Solidarität und Kooperation wachsen.


Quellen

Fehr, E. & Gächter, S. (2002). Altruistic punishment in humans. Nature, 415, 137–140.

Gächter, S. (2006). Conditional cooperation: Behavioral regularities from the lab and the field and their policy implications. CeDEx Discussion Paper Series 2006–03, University of Nottingham.

Heidbrink, H. (2008). Einführung in die Moralpsychologie. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Weinheim: Beltz.

Herrmann, B., Thöni, C. & Gächter, S. (2008). Antisocial punishment across societies. Science, 319 (5868), 1362–1367.

Anmerkung

(*) Hieraus sollte man allerdings nicht voreilig den Schluss ziehen, dass in diesen Ländern die Bereitschaft zur Kooperation generell geringer ist. Die Zusammenhänge scheinen komplizierter zu sein (vgl. Heidbrink, 2008, S. 134f).

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