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	<title>Coronavirus Archive - Heidsite</title>
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		<title>Moralpsychologie in Zeiten von Corona (Teil II)</title>
		<link>https://www.heidsite.de/2020/04/23/moralpsychologie-corona2/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Horst Heidbrink]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Apr 2020 20:43:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Moralpsychologie in Zeiten von Corona (Teil II)<br />
Momentan diskutiert die ganze Republik die ersten Schritte einer vorsichtigen Lockerung der bisher geltenden Pandemie-Einschränkungen.<br />
Bei diesen Diskussionen kann man die unterschiedlichen und häufig kontroversen Argumente grob drei unterschiedlichen Bereichen zuordnen: (1) dem Bereich der Wissenschaft, (2) dem Bereich der Politik und (3) dem Bereich der Moral.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.heidsite.de/2020/04/23/moralpsychologie-corona2/">Moralpsychologie in Zeiten von Corona (Teil II)</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.heidsite.de">Heidsite</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><a href="https://www.heidsite.de/2020/04/14/moralpsychologie-corona/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Im vorigen Beitrag</a> habe ich mich mit den dramatischen Fragen der Triage beschäftigt. Im Moment hoffen wir alle, dass unser Gesundheitssystem dem Ansturm von Corona-Patienten standhält und es keine tödliche Konkurrenz um Intensivbetten geben wird.</p>



<p>Stattdessen diskutiert die ganze Republik die ersten Schritte einer vorsichtigen Lockerung der bisher geltenden Pandemie-Einschränkungen.</p>



<p>Bei diesen Diskussionen kann man die unterschiedlichen und häufig kontroversen Argumente grob drei unterschiedlichen Bereichen zuordnen: (1) dem Bereich der Wissenschaft, (2) dem Bereich der Politik und (3) dem Bereich der Moral.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>1. Die Wissenschaft</strong></h2>



<p>Schauen wir zunächst auf die wissenschaftlichen Argumente, die vor allem aus dem medizinischen Bereich der Virologie und Epidemiologie kommen. Wie werden sich bestimmte Lockerungen (Öffnungen von Geschäften, Kirchen, Schulen, etc.) auf den Fortgang der Infektionen auswirken? Werden wichtige Kennzahlen (R) weiter sinken oder plötzlich wieder ansteigen? Können wir die Infektionskurve flach halten oder wird sie durch die Lockerungen wieder schnell ansteigen? Hierzu gibt es eine zunehmende Zahl wissenschaftlicher Studien, die beispielsweise aufgrund epidemiologischer&nbsp;Modellierungen Prognosen ermöglichen.</p>



<p>Die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen haben massive Auswirkungen auf die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft. Ökonomen versuchen das Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden zu schätzen, viele andere Wissenschaften analysieren weitere gesellschaftliche Auswirkungen. Von der Pandemie ist neben dem Gesundheitssystem vor allem auch das Bildungssystem betroffen.&nbsp;</p>



<p>Die Einschränkungen sollen die Ausbreitung des Virus eindämmen, die Lockerungen die negativen Nebenwirkungen des Lockdowns mildern und langsam wieder zu einer „neuen Normalität” führen, also zu einer Normalität&nbsp;<em>mit</em>&nbsp;der Pandemie.&nbsp;</p>



<p>Ist es angemessen, dass nur Geschäfte bis zu einer Größe von 800 qm öffnen dürfen? Ist es nicht ungerecht, dass Restaurants und Cafés immer noch geschlossen bleiben müssen? Warum dürfen Autohäuser öffnen, Möbelgeschäfte aber nicht – es sei denn, sie befinden sich in NRW? Ist es richtig, dass die Schulen schrittweise wieder geöffnet werden, die Kitas aber weiterhin geschlossen bleiben?&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>2. Die Politik</strong></h2>



<p>Auf viele diese Fragen gibt uns die Medizin bislang keine eindeutigen Antworten. Die Entscheidungen für bestimmte Lockerungen (und gegen andere) sind also politische Entscheidungen. Vordergründung bedeutet dies ja nur, dass es sich um Entscheidungen handelt, die von Politikern bzw. politischen Instanzen getroffen werden. Gleichzeitig implizieren politische Entscheidungen immer auch bestimmte Wertentscheidungen. Offenbar sind im Moment Autohäuser wichtiger als Möbelgeschäfte. Virologen haben diesbezüglich wohl keine Präferenzen – dem Virus ist es egal, ob es sich in Auto- oder Möbelhäusern verbreiten kann. In NRW darf es sich in beiden Häusern verbreiten, weil die Möbelindustrie hier wirtschaftlich besonders wichtig ist.</p>



<p>Es handelt sich also um eine Wertentscheidung: Der Schaden durch einen weiteren Stillstand der Möbelsparte wird in diesem Bundesland offenbar höher eingeschätzt als die Risiken durch zusätzliche Infektionen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>3. Die Moral&nbsp;</strong></h2>



<p>Politische Entscheidungen und ihre Begründungen besitzen einen „moralischen Kern”, da sie in ihren Konsequenzen Auswirkungen auf das Wohlergehen oder sogar das Leben der Bürger haben.&nbsp;</p>



<p>In den Diskussionen über die Pandemie wird immer betont, dass die Sorge um die Gesundheit an erster Stelle stehen müsse. Aus medizinischer Sicht ist dies selbstverständlich, es wird aber auch von Seiten der Politik und auch der Wirtschaft betont. Wenn dies allgemeiner Konsens ist, müssten dann nicht alle Entscheidungen immer zugunsten eines strikten Schutzes vor Infektionen getroffen werden?&nbsp;</p>



<p>Offenbar ist die Situation komplizierter als sie zunächst erscheinen mag. So stehen sich Gesundheitsfürsorge und Wirtschaft nicht gegenüber, sondern sind – und hierauf haben Wirtschaftswissenschaftler frühzeitig hingewiesen – eng miteinander verflochten. Wenn uns die Gesundheit wichtig ist, dann müssen wir Menschen nicht nur vor dem Virus schützen, sondern auch vor Gefährdungen, die durch wirtschaftliche Notlagen hervorgerufen werden. Also: Was macht es für einen Sinn, wenn wir jemanden vor der Virusinfektion schützen, aber nicht vor der finanziellen Pleite, die ihn am Leben verzweifeln lässt?</p>



<p>Vielleicht denken Sie jetzt, dass derartige Abwägungen ja richtig sein mögen, letztlich aber doch die Erhaltung und Rettung von Menschenleben die höchste Priorität haben muss. Allerdings gilt weder bei uns noch in anderen Gesellschaften diese Priorität uneingeschränkt.</p>



<p>So stellt der Deutschen Ethikrat in seiner Empfehlung zur Corona-Krise fest: „Auch der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut. Ihm dürfen nicht alle anderen Freiheits- und Partizipationsrechte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrechte bedingungslos nach- bzw. untergeordnet werden. Ein allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren“ (<a href="https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ethikrat, 2020</a>).</p>



<p>Es werden keineswegs alle Menschen gerettet, die wir retten könnten. Jährlich sterben tausende Menschen bei Autounfällen, trotzdem verbieten wir Autos nicht. Noch mehr Personen dürften durch Rauchen oder Alkohol sterben. Auch in diesen Bereichen haben wir allenfalls vorsichtige Einschränkungen, aber keine strikten Verbote. Die sog. Widerspruchslösung bei der Organspende wurde vom Bundestag 2019 mehrheitlich abgelehnt, obwohl mit ihr sicherlich mehr Menschenleben gerettet worden wären als mit der beschlossenen &#8222;erweiterten&#8220; Zustimmungslösung. Wäre die Widerspruchslösung moralisch nicht besser gewesen?</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was ist eigentlich „gut“?</strong></h2>



<p>Um in diesem Punkt etwas mehr Klarheit zu gewinnen, müssen wir uns einen Augenblick mit der Frage beschäftigen, was mit den Wörtern „gut” bzw. „besser” eigentlich gemeint ist. Wenn mir mein Arzt sagt, es wäre „gut”, wenn ich mich streng an alle Kontaktbeschränkungen halte, so meint er hiermit genau genommen Folgendes: „Es ist gut für Sie, falls Sie in erster Linie gesund bleiben wollen” (Spaemann, 1982).</p>



<p>Der Arzt beurteilt „gut” in Hinblick auf Gesundheit, er kann aber als Arzt nicht darüber urteilen, wie wichtig mir selbst meine Gesundheit ist.&nbsp;</p>



<p>Dies gilt natürlich auch für Politiker, die älteren Menschen empfehlen oder sogar vorschreiben, sich nicht mehr mit ihren Kindern oder Enkeln zu treffen. Sie halten dies für „gut” in Bezug auf den Gesundheitsschutz&nbsp;&nbsp;für besonders gefährdete Personengruppen.&nbsp;</p>



<p>Bei all diesen Ratschlägen bezieht sich das Wort „gut” immer darauf, dass etwas für irgend jemanden in einer bestimmten Hinsicht gut ist. „Gut” wird hier also nicht in einem moralischen Sinn definiert, sondern in Bezug auf eine Mittel-Zweck-Relation. Erst wenn zwischen Interessen oder Gesichtspunkten ein Konflikt auftaucht, bekommt das Wort „gut” einen absoluten (deontischen) Sinn, man muss entscheiden, was „eigentlich und wirklich” gut ist (vgl. Spaemann, 1982).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mittel zum Zweck</strong></h2>



<p>Politisch Entscheidungen wägen also immer zwischen unterschiedlichen Gesichtspunkten und Interessen ab. Ob diese Entscheidungen (im instrumentellen Sinn) gut oder schlecht sind, hängt davon ab, ob sie zu den gewünschten Ergebnissen führen, also die eingesetzten Mittel tatsächlich den festgelegten Zweck&nbsp;&nbsp;erreichen. In der gegenwärtigen Krise können uns die medizinischen Experten noch am besten sagen, welche Maßnahmen sich wie auswirken werden. Die letzten Wochen haben allerdings gezeigt, dass sich die medizinischen Experten immer wieder revidieren mussten. Auch waren sie sich mit ihren Ratschlägen nicht immer einig.</p>



<p>Bislang war der Zweck aller Maßnahmen eine Abflachung der Infektionskurve, um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten, also z. B. genügend Beatmungsplätze für die schweren Fälle zu haben. Gleichzeitig war aber von vornherein klar, dass es trotzdem zu vielen Todesfällen kommen würde, da sich viele Schwererkrankte auch intensivmedizinisch nicht würden retten lassen.</p>



<p>Eine völlige Vermeidung von Todesfällen ist bislang (ohne Impfungen und wirksame Medikamente) nicht möglich. Die Diskussion um die sog. „Übersterblichkeit“ in den Medien und den sozialen Netzwerken zeigt, dass es mittlerweile viele gibt, die Todesfälle durch das Virus durchaus akzeptieren, wenn (und dies scheint bislang der Fall zu sein) vor allem sehr alte Personen bzw. Personen mit deutlichen gesundheitlichen „Vorschädigungen“ betroffen sind.&nbsp;</p>



<p class="has-drop-cap">Der 80jährige Besitzer der Restaurantkette „Blockhouse“ Eugen Block machte gegenüber dem <a href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eugen-block-ueber-corona-dann-sterbe-ich-eben-drei-tage-frueher-na-und-a-00000000-0002-0001-0000-000170518583" target="_blank" rel="noreferrer noopener">SPIEGEL (17.4.2020)</a> seinem Ärger über die deutsche Regierung Luft, insbesondere über den Gesundheitsminister Jens Spahn.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eugen-block-ueber-corona-dann-sterbe-ich-eben-drei-tage-frueher-na-und-a-00000000-0002-0001-0000-000170518583" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="960" height="623" data-attachment-id="299" data-permalink="https://www.heidsite.de/2020/04/23/moralpsychologie-corona2/bildschirmfoto-2020-04-22-um-21-11-19/" data-orig-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?fit=1410%2C914&amp;ssl=1" data-orig-size="1410,914" data-comments-opened="0" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?fit=300%2C194&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?fit=960%2C623&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?resize=960%2C623&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-299" srcset="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?resize=1024%2C664&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?resize=300%2C194&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?resize=768%2C498&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?resize=1194%2C774&amp;ssl=1 1194w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.11.19.png?w=1410&amp;ssl=1 1410w" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" data-recalc-dims="1" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Restaurantkettenbesitzer Eugen Block im SPIEGEL (17.4.2020)</figcaption></figure>



<p><a href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eugen-block-ueber-corona-dann-sterbe-ich-eben-drei-tage-frueher-na-und-a-00000000-0002-0001-0000-000170518583"></a>So oder ähnlich argumentieren viele: „Warum sollen wir die gesamte Wirtschaft zerstören, wenn das Virus nicht mehr Personen tötet als sowieso in diesem Jahr gestorben wären?“ Oder: „Warum sollen wir die gesamte Wirtschaft zerstören, wenn das Virus nicht mehr Personen tötet als in manchen Jahren durch eine Virusgrippe sterben?“</p>



<p>Vielleicht finden Sie diese Argumente moralisch empörend. Trotzdem können wir sie nicht einfach von der Hand weisen. Versuchen wir hierzu eine Rechnung, wie viel uns ein Menschenleben wert sein darf. </p>



<p>Wenn man annimmt, dass unsere Wirtschaft durch den Lockdown einen Schaden von einer Billion Euro erleidet und ohne den Lockdown ca. 100.000 Personen zusätzlich gestorben wären, dann hätten wir für deren Rettung pro Person ca. 10 Millionen Euro aufgewendet.</p>



<p class="has-drop-cap">Steht dieser Aufwand in irgendeinem Verhältnis zum Wert des menschlichen Lebens? Kann und darf man den Wert des menschlichen Lebens berechnen? Immanuel Kant hat dies bestritten, Ökonomen tun es trotzdem (einen kurzen Eindruck vermittelt die&nbsp;<a href="https://www.forbes.com/sites/theapothecary/2020/03/27/how-economists-calculate-the-costs-and-benefits-of-covid-19-lockdowns/#77bb2b636f63" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Forbes-Grafik vom 27.3.2020</a>).</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.forbes.com/sites/theapothecary/2020/03/27/how-economists-calculate-the-costs-and-benefits-of-covid-19-lockdowns/#492096a26f63" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img decoding="async" width="1432" height="1200" data-attachment-id="300" data-permalink="https://www.heidsite.de/2020/04/23/moralpsychologie-corona2/bildschirmfoto-2020-04-22-um-21-47-12/" data-orig-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?fit=1432%2C1200&amp;ssl=1" data-orig-size="1432,1200" data-comments-opened="0" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?fit=300%2C251&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?fit=960%2C804&amp;ssl=1" src="https://i1.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?fit=960%2C804" alt="" class="wp-image-300" srcset="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?w=1432&amp;ssl=1 1432w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?resize=300%2C251&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?resize=1024%2C858&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?resize=768%2C644&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-21.47.12.png?resize=1194%2C1001&amp;ssl=1 1194w" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Unterschiedliche Quantifizierungen des menschlichen Lebens (Forbes-Grafik, 27.3.2020)</figcaption></figure>



<p><a href="https://www.forbes.com/sites/theapothecary/2020/03/27/how-economists-calculate-the-costs-and-benefits-of-covid-19-lockdowns/#77bb2b636f63"></a>Die Problematik der Berechnung des ökonomischen Wertes von Menschenleben haben Benjamin Bidder am&nbsp;<a href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-und-die-wirtschaft-was-darf-ein-leben-kosten-a-29353c88-18f7-4677-9b6a-210aed574386" target="_blank" rel="noreferrer noopener">14.4.2020 im SPIEGEL</a>&nbsp;und Katrin Zeug auf&nbsp;<a href="https://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/01/wert-menschen-gedankenexperiment-summe/komplettansicht" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Zeit Online am 23.1.2018</a>&nbsp;dargelegt. Aus philosophischer Sicht erklärte Volker Gerhardt mit Rückgriff auf Immanuel Kant in der&nbsp;<a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/ethik-ist-jedes-leben-gleich-viel-wert-1.830750-0#seite-2" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Süddeutschen Zeitung am 17.5.2020</a>, ob man ein Leben mit Geld aufwiegen kann.</p>



<p>Trotz aller philosophischen Skrupel gegenüber solchen Berechnungen denken Sie vielleicht, dass 10 Millionen zur Rettung eines Menschen, der womöglich bereits über 80 Jahre alt ist, doch deutlich zu viel sind.</p>



<p>Oder Sie denken, dass es nur darauf ankommt, ob unsere Gesellschaft diese Kosten ohne bleibende Schäden tragen kann.&nbsp;</p>



<p>Vielleicht haben Sie erkannt, dass die obige Berechnung völlig falsch ist. Dass sie von falschen Zahlen ausgeht und keineswegs als Grundlage einer moralischen Bewertung dienen kann.</p>



<p>Tatsächlich habe ich die Zahlen ziemlich frei erfunden. Sie können also völlig falsch sein. Ich weiß es nicht.&nbsp;</p>



<p>Warum dann dieses Beispiel? Es soll stellvertretend zeigen, dass es in der gesamten Diskussion über das Für und Wider von Pandemie-Maßnahmen&nbsp;eine Vermischung von Sachargumenten und moralischen Bewertungen gibt.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Moralische Bewertung von Argumenten</strong></h2>



<p>Wenn Sie sich fragen, wie Sie Pro- und Contra-Argumente im Rahmen der Pandemie-Maßnahmen bewerten sollen, müssen Sie zunächst prüfen, ob die Argumente sachlich überhaupt stichhaltig sind. Welche Annahmen sind wissenschaftlich begründet, zu welchen gibt es bislang keine wissenschaftlichen Studien, welche sind aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig?&nbsp;</p>



<p>Woher sollen Sie das wissen? Alle Informationen finden sich in seriösen Quellen im Netz. Wenn Sie weder Zeit noch Lust haben, sich zu informieren, dann kann ich Ihnen nur die beiden folgenden Regeln empfehlen.&nbsp;</p>



<h4 class="wp-block-heading"><em>1. Je restriktiver die Einschränkungen, desto niedriger die Anzahl der Toten und desto höher der wirtschaftliche und gesellschaftliche Schaden.</em></h4>



<h4 class="has-very-dark-gray-color has-text-color wp-block-heading"><em>2. Je schneller und umfassender die Lockerungen, desto höher die Anzahl der Toten und desto geringer der wirtschaftliche Schaden.&nbsp;</em></h4>



<p></p>



<p>Wenn Leute behaupten, dass man auch beides erreichen könne, also umfassende Lockerungen ohne eine Erhöhung der Todesrate, glauben Sie ihnen nicht! Schauen Sie sich stattdessen die folgenden Abbildungen der&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html" target="_blank">New York Times vom 21.4.2020</a>&nbsp;zur bereits jetzt feststellbaren Übersterblichkeit in vielen Ländern an!</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img decoding="async" width="2506" height="1110" data-attachment-id="301" data-permalink="https://www.heidsite.de/2020/04/23/moralpsychologie-corona2/bildschirmfoto-2020-04-22-um-16-12-13/" data-orig-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?fit=2506%2C1110&amp;ssl=1" data-orig-size="2506,1110" data-comments-opened="0" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?fit=300%2C133&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?fit=960%2C426&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?fit=960%2C426" alt="" class="wp-image-301" srcset="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?w=2506&amp;ssl=1 2506w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?resize=300%2C133&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?resize=1024%2C454&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?resize=768%2C340&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?resize=1536%2C680&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?resize=2048%2C907&amp;ssl=1 2048w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?resize=1194%2C529&amp;ssl=1 1194w, https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/Bildschirmfoto-2020-04-22-um-16.12.13.png?w=1920&amp;ssl=1 1920w" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" /></a><figcaption class="wp-element-caption"><a href="https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Übersterblichkeit in unterschiedlichen Ländern (New York Times, 21.4.2020)</a></figcaption></figure>



<p><a href="https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html?smid=tw-share"></a>Falls Sie für die zweite Regel plädieren, sollten Sie allerdings bedenken, dass dieses Vorgehen möglicherweise die Wirtschaft am nachhaltigsten schädigt. Jedenfalls dann, wenn man aufgrund einer zu hohen Todesquote einen zweiten Lockdown anordnen muss.&nbsp;</p>



<p><strong>Reise nach Jerusalem&nbsp;</strong></p>



<p>Es gibt eine gute Möglichkeit um zu prüfen, welcher Lösung man bei einem moralischen Problem zustimmen sollte: die <em>Reise nach Jerusalem!</em> Hierbei wird von jeder Person verlangt, abwechselnd den Platz jedes anderen einzunehmen und das moralische Problem aus dessen Perspektive zu beurteilen. Mit dem alten Kinderspiel gleichen Namens hat diese Methode also nur im übertragenen Sinne etwas zu tun.</p>



<p>Wenn es um eine schnelle Öffnung von Gaststätten geht, dann kann man gedanklich die Wirtin, die Kellner, die Stammgäste, aber auch die Familienmitglieder der Gäste auftreten lassen. Sie müssen zunächst eine Lösung finden, erst danach wird Ihnen Ihre Rolle zugewiesen. Sie wissen also noch nicht, ob Sie die Wirtin, der Kellner oder der Großvater Ihrer Stammgäste sein werden. Vielleicht sollten Sie auch den Finanzminister mit in die Reihe der Betroffenen einbeziehen.</p>



<p class="has-drop-cap">Wenn es um das eigene Verhalten in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten geht, dann können Sie überlegen, ob Sie und ihre Familie die Abstands- und Kontaktbeschränkungen sorgsam einhalten werden. Werden Sie die Kinder von den Großeltern fernhalten, Treffen mit den Freunden unterlassen? Wenn Sie bereits Enkel haben, werden Sie auf den Kontakt zu ihnen verzichten? Welche die Regeln werden Sie einhalten, welche werden Sie ignorieren? Aus welchen Gründen?&nbsp;</p>



<p>Prüfen Sie also jeweils, in welcher Rolle Sie von einer Entscheidung profitieren und in welcher Sie sich ernsthaften Risiken aussetzen.</p>



<p>Finden Sie jeweils Lösungen, mit der Sie aus jeder Position einverstanden sein können?&nbsp;</p>



<pre class="wp-block-preformatted"><strong>Bildnachweis</strong>
Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SARS-CoV-2_without_background.png
<strong>Quellen</strong>
Spaemann, R. (1982). Moralische Grundbegriffe. München: C. H. Beck</pre>



<p></p>
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		<title>Moralpsychologie in Zeiten von Corona</title>
		<link>https://www.heidsite.de/2020/04/14/moralpsychologie-corona/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Horst Heidbrink]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Apr 2020 19:26:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
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		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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		<category><![CDATA[Triage]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Zeiten von Corona werden wir plötzlich mit moralischen Problemen konfrontiert, in denen es um Leben und Tod gehen kann. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.heidsite.de/2020/04/14/moralpsychologie-corona/">Moralpsychologie in Zeiten von Corona</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.heidsite.de">Heidsite</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<p class="has-drop-cap">Moralische Dilemmata, in denen es um Leben und Tod geht, schienen bislang für die meisten von uns fiktive Probleme von Moralphilosophen oder Moralpsychologen zu sein. Darf ich ein für mich unbezahlbares Krebsmittel stehlen, um meine Frau zu retten? Soll man eine Weiche umstellen, damit ein Güterzug nur eine Person und nicht fünf tötet?&nbsp;</p>



<p>Plötzlich wird uns durch ein Virus deutlich, dass diese Fragen sich direkt vor unserer Haustür stellen können. Dass nicht nur „<a href="https://www.heidsite.de/2016/11/02/moralisches-dilemma/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Heinz</a>“ mit ihnen konfrontiert ist, sondern wir alle. Wir müssen plötzlich unser eigenes Verhalten rigoros verändern, zu unserem eigenen Schutz und zum Schutz von Verwandten, Freunden, Bekannten und Nachbarn – aber auch zum Schutz von Menschen, die uns völlig unbekannt sind.&nbsp;</p>



<p>Viele müssen jetzt entscheiden, was für sie an erster (zweiter, dritter …) Stelle steht: die eigene Gesundheit, das Wohlergehen der Familie, die Hilfe für Nachbarn, für besonders gefährdete Menschen. Darf der Opa noch auf das geliebte Enkelkind aufpassen? Oder ist es rücksichtslos, ihn einer zusätzlichen Gefährdung auszusetzen? Soll der Vater nicht zur Arbeit gehen, obwohl er Krankenpfleger ist? Soll die Ärztin für ihr Kind einen Notplatz in der Kita beanspruchen, obwohl sie weiß, dass es bei den gesunden Großeltern gut aufgehoben wäre?</p>



<p>Plötzlich ergibt sich eine Vielzahl von Problemen, für die wir keine routinemäßigen Lösungen haben. Bei denen wir uns Gefahren ausgesetzt sehen, deren Risiken wir weder präzise einschätzen noch gegeneinander abwägen können. Nahezu stündlich bekommen wir neue Informationen über die Infektions- und Todeszahlen. Das Virus rückt unaufhaltsam näher, in unser Land, in unsere Stadt, in unseren Wohnbezirk, in unsere Straße.</p>



<p>Viele Menschen bieten plötzlich ihre Hilfe an. Sie kaufen für diejenigen ein, die dies nicht mehr selbst können bzw. dürfen. Natürlich gibt es auch Personen, die die aktuelle Notlage ausnutzen. Schutzmasken kosten plötzlich das Hundertfache des Preises von vor ein paar Wochen. Große Konzerne stoppen ihre Mietzahlungen aufgrund eines neuen Gesetzes, das gar nicht für sie gedacht war.</p>



<p>Desinfektionsmittel werden in Kliniken unerlaubt entwendet, Friseure suchen ihre Kunden zuhause auf und übertragen so vielleicht das Virus in viele Haushalte (oder auch nicht).</p>



<p>Wenn wir, wie manche Politiker sagen, im Krieg gegen das Virus sind, dann zeigen sich schon jetzt die „Kriegsgewinnler“, die die Not der anderen skrupellos ausnutzen.&nbsp;</p>



<p>Was denken die sich eigentlich? Ist es ihnen egal, wenn sich andere durch ihr Verhalten infizieren, vielleicht schwer krank werden oder sterben?&nbsp;&nbsp;Was denke ich mir selbst, wenn ich heute mit einem leichten Kratzen im Hals einkaufen gehe?&nbsp;</p>
</div></div>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Empfehlungen des Deutschen Ethikrates</strong></h2>



<p>Am intensivsten sind im Moment Ärzte und Ärztinnen betroffen, die bald vor ähnlichen Problemen stehen könnten wie ihre italienischen Kollegen und Kolleginnen, die schon vor Wochen über Leben und Tod entscheiden mussten. Die dramatischen Fälle bei der sogenannten „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Triage" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Triage</a>“ hat der <a href="https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Deutsche Ethikrat am 27. März 2020</a> beschrieben und bewertet.</p>



<p class="has-drop-cap">In der ersten der beiden vom Ethikrat beschriebenen Problemsituationen (Triage bei Ex-ante-Konkurrenz) gibt es mehr Patienten als freie Beatmungsplätze. Die Ärzte müssen also entscheiden, wer von den Patienten ein Beatmungsgerät bekommt – und wer nicht. Patienten, denen die Behandlung vorenthalten wird, werden von den Ärzten nicht etwa durch Unterlassen getötet, sondern aufgrund „einer tragischen Unmöglichkeit vor dem krankheitsbedingten Sterben nicht gerettet“, so der Ethikrat&nbsp;</p>



<p>Allerdings müssten bei der Entscheidung, wer diesen Platz bekommt, „unfaire Einflüsse“ ausgeschlossen werden, etwa solche im Hinblick auf „sozialen Status, Herkunft, Alter, Behinderung usw.“ (<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf" target="_blank">„Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“; Ad-hoc-Empfehlung des Deutschen Ethikrates&nbsp;&nbsp;vom 27.3.2020</a>).&nbsp;</p>



<p>Also darf auch das Alter kein Ausschließungsgrund sein (z. B. niemand über 80 Jahren bekommt einen Beatmungsplatz). Was könnten bei dieser Entscheidung also die „wohlüberlegten, begründeten, transparenten und möglichst einheitlich angewandten Kriterien“ sein?&nbsp;</p>



<p>Aus medizinischer Sicht ist vor allem die Überlebenswahrscheinlichkeit, also die Chance auf einen positiven Erfolg der Beatmung, ein wichtiges Kriterium. Denkbar ist natürlich, dass bei der Abschätzung dieser Wahrscheinlichkeit einige der oben als irrelevant bezeichneten Kriterien eine indirekte Rolle spielen, da beispielsweise das Alter und bestimmte Behinderungen die Prognosen beeinflussen dürften.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="640" height="480" data-attachment-id="281" data-permalink="https://www.heidsite.de/2020/04/14/moralpsychologie-corona/640px-mechelen_az_st_maarten_intensive_care_unit_02/" data-orig-file="https://i0.wp.com/www.heidsite.de/wp-content/uploads/2020/04/640px-Mechelen_AZ_St_Maarten_Intensive_Care_Unit_02.jpg?fit=640%2C480&amp;ssl=1" data-orig-size="640,480" data-comments-opened="0" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="640px-Mechelen_AZ_St_Maarten_Intensive_Care_Unit_02" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Intensivstation&lt;/p&gt;
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<p class="has-drop-cap">Als noch problematischer beschreibt der Ethikrat eine Situation, in der alle Beatmungsplätze belegt sind. Wenn jetzt zusätzliche Patienten Beatmungsgeräte benötigen, stellt sich die Frage nach den verbleibenden ärztlichen Handlungsmöglichkeiten (Triage bei Ex-post-Konkurrenz).&nbsp;</p>



<p>Reinhard Merkel, Professor für&nbsp;Strafrecht&nbsp;und&nbsp;Rechtsphilosophie&nbsp;sowie Mitglied des Ethikrates, hat im ZDF am 31.3.2020 in der Sendung „Lanz“ diese Situation beispielhaft beschrieben: Darf man einen 80-jährigen Patienten vom Beatmungsgerät abhängen, wenn dieses dringend von einer 30-jährigen Mutter von kleinen Kindern benötigt wird? Er hat deutlich gemacht, dass dies rechtlich nicht erlaubt ist.</p>



<p>Wenn Ärzte trotzdem entscheiden, dass das Beatmungsgerät des 80jährigen Patienten für die 30jährige Mutter freigemacht wird, dann können sie allerdings mit „einer entschuldigenden Nachsicht der Rechtsordnung“ rechnen, also straffrei bleiben<a href="https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener"> (Ethikrat, 2020)</a>.&nbsp;</p>



<p>Wonach würden Sie entscheiden? Würden Sie Beatmungsplätze tauschen – wenig aussichtsreiche gegen hoffnungsvollere Fälle? Strikte Altersbegrenzungen vorgeben wie es offenbar an einigen italienischen Kliniken gehandhabt wurde?&nbsp;</p>



<p>Oder lässt sich dieses moralische Dilemma durch ein klares medizinisches Punktesystem für die Triage lösen?&nbsp;</p>



<p>Am Klinikum Augsburg hat das Vorbereitungsteam für eine eventuelle Triage entschieden, „dass kein Intensivpatient sein Bett sicher haben wird, auch wenn das von Juristen wie dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes Hans-Jürgen Papier empfohlen wird, weil der Grundsatz der Gleichheit der Menschenwürde dies seiner Meinung nach erforderlich mache.“</p>



<p>„In Augsburg soll es nicht so sein wie in Italien – das Alter allein führt nicht zum Ausschluss. Konkurrieren zwei oder mehr Patienten um einen Platz, wird zuerst der Allgemeinzustand abgeklärt: ’Wie schnauft er, wie hoch ist sein Druck, wie steht er kognitiv da’, so Wehler (ärztlicher Leiter der Notaufnahme). Erst wenn es Prognosen für die Lebenserwartung gibt, erst wenn diese Zahlen identisch oder annähernd identisch sind, kommt das Alter ins Spiel“ (<a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-wie-aerzte-der-uniklinik-augsburg-sich-auf-die-triage-vorbereiten-a-828149f6-f2d5-4a67-9e2c-618e62a1d9ff" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Spiegel 10.4.2020</a>).&nbsp;</p>



<p>Bei der Triage geht es um Menschenleben. Es soll nicht abgewogen werden, welches Menschenleben wichtiger ist, welches eher bzw. vorzugsweise gerettet werden soll, sondern welches mit höherer Wahrscheinlichkeit gerettet werden kann. Wir können also darauf vertrauen, dass es Lösungen für die Triage gibt, die zwar schmerzlich und bitter sind, aber trotzdem begründbar und nachvollziehbar.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Moralpsychologie</strong></h2>



<p>Die Moralpsychologie sagt uns nichts über die Ausbreitung von Viren oder die Verbreitungswege von Pandemien. Sie kann weder Ärzten und Ärztinnen noch dem Deutschen Ethikrat erklären, was jetzt moralisch richtig und was moralisch falsch ist.&nbsp;</p>



<p>Die Moralpsychologie versucht zu erklären, warum Menschen unterschiedliche Entscheidungen für richtig halten und warum sie so handeln, wie sie handeln. Sie kann also helfen, andere und uns selbst besser zu verstehen. Wenn das gelingt, kommen wir vielleicht zu einer Änderung unserer Beurteilungen und möglicherweise sogar unseres Verhaltens. Oder wir fühlen uns in beidem bestätigt. Wir werden sehen!</p>



<p>Wie werden Personen, die sich auf unterschiedlichen <a href="https://www.heidsite.de/2016/09/29/moralentwicklung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Entwicklungsstufen des moralischen Urteils</a>, argumentieren, wenn es um Triage-Entscheidungen geht?</p>



<p class="has-drop-cap">Stellen wir uns einen Arzt vor, der entscheiden soll, ob ein 55jähriger leicht übergewichtiger Mann oder eine 32jährige schwangere Frau das letzte freie Atmungsgerät bekommen sollen. Die Lösung scheint einfach zu sein: die schwangere Frau hat vermutlich die besseren Überlebenschancen, außerdem stehen hier zwei Leben auf dem Spiel. Bei dem Mann nur eines!</p>



<p>Für die Ärzte in Augsburg wäre die Situation eindeutig: „Klar ist jetzt auch die Stellung von Schwangeren in diesem Prozess. Bei intakter Schwangerschaft und gesundem Fötus wird die Schwangere bevorzugt behandelt, &#8222;denn es sind ja zwei Leben, die enden könnten&#8220; (<a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-wie-aerzte-der-uniklinik-augsburg-sich-auf-die-triage-vorbereiten-a-828149f6-f2d5-4a67-9e2c-618e62a1d9ff" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Der Spiegel, 10.4.2020</a>).</p>



<p>Die Entscheidung scheint klar zu sein, unabhängig von ihrer Begründung: Wenn die Ärzte sich für die Schwangere entscheiden, handeln sie anhand vorgegebener Regeln, wohl auch in Übereinstimmung mit der öffentlichen Meinung und juristisch unangreifbar.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Diese Entscheidung entspricht bei den meisten von uns vermutlich auch der moralischen Intuition, also der Handlung, der wir ohne weitere Überlegung spontan zustimmen würden.&nbsp;</p>



<p>Was ist aber, wenn wir jetzt die Information bekommen, dass es sich bei dem älteren Mann um den derzeitigen Premier des eigenen Landes handelt? Also um den zurzeit wichtigsten Politiker? Vielleicht denken Sie, dass dies keinen Unterschied machen darf. Der „soziale Status“ darf auch nach Meinung des deutschen Ethikrates keinen Einfluss auf die Entscheidung haben. Trotzdem sind Sie jetzt vielleicht unsicher. Ist der Premier eines Landes nicht einfach zu wichtig als dass man ihn einfach für einen „gewöhnlichen“ Menschen opfern darf? Bekommen die Ärzte, die sich gegen ihn entscheiden, nicht ernsthafte Probleme? Werden staatliche Stellen in diesem Fall nicht eingreifen, Druck ausüben?&nbsp;</p>



<p>Wissen Sie jetzt, wie Sie sich entscheiden würden? Und hätten Sie mit dieser Entscheidung ein Problem? Wären Sie unsicher, ob Sie sich richtig entschieden hätten? Oder befürchten Sie, dass Sie bewusst eine falsche Entscheidung treffen würden? Aus Angst vor den möglichen Konsequenzen?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Moralische Urteilsstufen</h2>



<p>Systematisieren wir die Entscheidungsmöglichkeiten nach den moralischen Urteilsstufen von Lawrence Kohlberg (<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.heidsite.de/2016/09/29/moralentwicklung/" target="_blank">https://www.heidsite.de/2016/09/29/moralentwicklung/</a>):</p>



<ol type="1"><li><strong>Lohn und Strafe</strong></li></ol>



<p>Die Dankbarkeit des Premiers dürfte den Ärzten sicher sein. Eine Belohnung also deutlich wahrscheinlicher als eine Bestrafung, wenn sie den Politiker retten!</p>



<ol start="2"><li><strong>Zweckdenken</strong></li></ol>



<p>Eine Entscheidung gegen den Politiker dürfte sich kaum auszahlen – sie würde uns vermutlich schaden. Es sei denn, wir sind ihm in herzlicher Abneigung verbunden und wünschen nichts mehr als seine Abberufung.&nbsp;</p>



<ol start="3"><li><strong>Übereinstimmung mit anderen</strong></li></ol>



<p>Wohlweislich sollen Triage-Entscheidungen nicht von einem Arzt, sondern immer von mehreren getroffen werden. Wenn wir uns an der Meinung der anderen orientieren, sind wir es nicht allein, die verantwortlich sind bzw. nachträglich gemacht werden können. Wir schließen uns also der Gruppenmeinung an.</p>



<ol start="4"><li><strong>Recht und Ordnung</strong></li></ol>



<p>Wenn uns als Arzt die Entscheidung über Leben und Tod überlassen wird, dann dürfen wir nicht unseren privaten Vorlieben, Meinungen oder Einstellungen folgen. Wir haben uns an verbindliche Regeln und Gesetze zu halten. Leider können die manchmal widersprüchlich sein. Die ärztlichen Triage-Regeln und der Ethikrat verlangen möglicherweise etwas anderes als staatliche Stellen, die uns auf die Rettung des Lebens des wichtigsten Politikers unseres Landes verpflichten wollen. Wir stehen vor einem ernsthaften Dilemma.</p>



<ol start="5"><li><strong>Postkonventionelle Moral</strong></li></ol>



<p>Der Ethikrat verlangt von den Ärzten genaugenommen ein Urteil auf der Ebene der postkonventionellen Moral: Indem er die juristischen Vorgaben deutlich macht, aber gleichzeitig darauf verweist, dass es auch Gewissensgründe geben kann, diese nicht einzuhalten: „Wer in einer solchen Lage eine Gewissensentscheidung trifft, die ethisch begründbar ist und transparenten – etwa von medizinischen Fachgesellschaften aufgestellten – Kriterien folgt, kann im Fall einer möglichen (straf-)rechtlichen Aufarbeitung des Geschehens mit einer entschuldigenden Nachsicht der Rechtsordnung rechnen.“</p>



<p class="has-drop-cap">Was bedeutet dies für unser Beispiel? Müssen wir auf der Ebene der postkonventionellen Moral den Regierungschef für die junge Mutter opfern? Oder müssen wir nicht gerade die möglichen gesellschaftlichen Konsequenzen berücksichtigen? Wenn in einer prekären gesellschaftlichen Krise von ungeahntem Ausmaß der wichtigste politische Lenker geopfert wird, kann dies unabsehbare Konsequenzen haben. Andererseits ist auch denkbar, dass die Bevorzugung des Politikers in der Bevölkerung breite Empörung auslösen könnte.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Wie würden Sie entscheiden? Ich bin gespannt – Sie können sie gern in den Kommentaren dieses Blogs erläutern. Ich selbst bin hier übrigens weit weniger sicher als Sie vielleicht vermuten.</p>



<p>PS: Die meisten von uns sind keine Ärzte und mit dem Problem der Triage aktiv nicht betroffen (passiert hoffentlich auch nicht). Auch können wir im Moment die Hoffnung haben, dass die geschilderten Triage-Situationen hierzulande aufgrund unseres guten Gesundheitssystems und der bisherigen politischen Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen nicht eintreten werden.</p>



<p>Viele andere Entscheidungen, bei denen es auch um Leben und Tod gehen kann, treffen wir alle seit Wochen und wohl auch auf unabsehbare weitere Zeit. Dazu bald mehr – hier im Blog!</p>



<pre class="wp-block-preformatted">Bildnachweis: 
Triage: <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.flickr.com/photos/99129398@N00" target="_blank">https://de.wikipedia.org/wiki/Triage#/media/Datei:Wounded_Triage_France_WWI.jpg</a> <a rel="noreferrer noopener" href="https://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons" target="_blank">Creative-Commons</a>-Lizenz
Intensivstation: © Ad Meskens / Wikimedia Commons</pre>



<p></p>



<div class="wp-block-group is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="wp-block-group__inner-container"></div></div>



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