Moralpsychologie in Zeiten von Corona (Teil II)

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Psychologie
Sars-CoV-2

Im vorigen Beitrag habe ich mich mit den dramatischen Fragen der Triage beschäftigt. Im Moment hoffen wir alle, dass unser Gesundheitssystem dem Ansturm von Corona-Patienten standhält und es keine tödliche Konkurrenz um Intensivbetten geben wird.

Stattdessen diskutiert die ganze Republik die ersten Schritte einer vorsichtigen Lockerung der bisher geltenden Pandemie-Einschränkungen.

Bei diesen Diskussionen kann man die unterschiedlichen und häufig kontroversen Argumente grob drei unterschiedlichen Bereichen zuordnen: (1) dem Bereich der Wissenschaft, (2) dem Bereich der Politik und (3) dem Bereich der Moral.

1. Die Wissenschaft

Schauen wir zunächst auf die wissenschaftlichen Argumente, die vor allem aus dem medizinischen Bereich der Virologie und Epidemiologie kommen. Wie werden sich bestimmte Lockerungen (Öffnungen von Geschäften, Kirchen, Schulen, etc.) auf den Fortgang der Infektionen auswirken? Werden wichtige Kennzahlen (R) weiter sinken oder plötzlich wieder ansteigen? Können wir die Infektionskurve flach halten oder wird sie durch die Lockerungen wieder schnell ansteigen? Hierzu gibt es eine zunehmende Zahl wissenschaftlicher Studien, die beispielsweise aufgrund epidemiologischer Modellierungen Prognosen ermöglichen.

Die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen haben massive Auswirkungen auf die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft. Ökonomen versuchen das Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden zu schätzen, viele andere Wissenschaften analysieren weitere gesellschaftliche Auswirkungen. Von der Pandemie ist neben dem Gesundheitssystem vor allem auch das Bildungssystem betroffen. 

Die Einschränkungen sollen die Ausbreitung des Virus eindämmen, die Lockerungen die negativen Nebenwirkungen des Lockdowns mildern und langsam wieder zu einer „neuen Normalität” führen, also zu einer Normalität mit der Pandemie. 

Ist es angemessen, dass nur Geschäfte bis zu einer Größe von 800 qm öffnen dürfen? Ist es nicht ungerecht, dass Restaurants und Cafés immer noch geschlossen bleiben müssen? Warum dürfen Autohäuser öffnen, Möbelgeschäfte aber nicht – es sei denn, sie befinden sich in NRW? Ist es richtig, dass die Schulen schrittweise wieder geöffnet werden, die Kitas aber weiterhin geschlossen bleiben? 

2. Die Politik

Auf viele diese Fragen gibt uns die Medizin bislang keine eindeutigen Antworten. Die Entscheidungen für bestimmte Lockerungen (und gegen andere) sind also politische Entscheidungen. Vordergründung bedeutet dies ja nur, dass es sich um Entscheidungen handelt, die von Politikern bzw. politischen Instanzen getroffen werden. Gleichzeitig implizieren politische Entscheidungen immer auch bestimmte Wertentscheidungen. Offenbar sind im Moment Autohäuser wichtiger als Möbelgeschäfte. Virologen haben diesbezüglich wohl keine Präferenzen – dem Virus ist es egal, ob es sich in Auto- oder Möbelhäusern verbreiten kann. In NRW darf es sich in beiden Häusern verbreiten, weil die Möbelindustrie hier wirtschaftlich besonders wichtig ist.

Es handelt sich also um eine Wertentscheidung: Der Schaden durch einen weiteren Stillstand der Möbelsparte wird in diesem Bundesland offenbar höher eingeschätzt als die Risiken durch zusätzliche Infektionen.

3. Die Moral 

Politische Entscheidungen und ihre Begründungen besitzen einen „moralischen Kern”, da sie in ihren Konsequenzen Auswirkungen auf das Wohlergehen oder sogar das Leben der Bürger haben. 

In den Diskussionen über die Pandemie wird immer betont, dass die Sorge um die Gesundheit an erster Stelle stehen müsse. Aus medizinischer Sicht ist dies selbstverständlich, es wird aber auch von Seiten der Politik und auch der Wirtschaft betont. Wenn dies allgemeiner Konsens ist, müssten dann nicht alle Entscheidungen immer zugunsten eines strikten Schutzes vor Infektionen getroffen werden? 

Offenbar ist die Situation komplizierter als sie zunächst erscheinen mag. So stehen sich Gesundheitsfürsorge und Wirtschaft nicht gegenüber, sondern sind – und hierauf haben Wirtschaftswissenschaftler frühzeitig hingewiesen – eng miteinander verflochten. Wenn uns die Gesundheit wichtig ist, dann müssen wir Menschen nicht nur vor dem Virus schützen, sondern auch vor Gefährdungen, die durch wirtschaftliche Notlagen hervorgerufen werden. Also: Was macht es für einen Sinn, wenn wir jemanden vor der Virusinfektion schützen, aber nicht vor der finanziellen Pleite, die ihn am Leben verzweifeln lässt?

Vielleicht denken Sie jetzt, dass derartige Abwägungen ja richtig sein mögen, letztlich aber doch die Erhaltung und Rettung von Menschenleben die höchste Priorität haben muss. Allerdings gilt weder bei uns noch in anderen Gesellschaften diese Priorität uneingeschränkt.

So stellt der Deutschen Ethikrat in seiner Empfehlung zur Corona-Krise fest: „Auch der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut. Ihm dürfen nicht alle anderen Freiheits- und Partizipationsrechte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrechte bedingungslos nach- bzw. untergeordnet werden. Ein allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren“ (Ethikrat, 2020).

Es werden keineswegs alle Menschen gerettet, die wir retten könnten. Jährlich sterben tausende Menschen bei Autounfällen, trotzdem verbieten wir Autos nicht. Noch mehr Personen dürften durch Rauchen oder Alkohol sterben. Auch in diesen Bereichen haben wir allenfalls vorsichtige Einschränkungen, aber keine strikten Verbote. Die sog. Widerspruchslösung bei der Organspende wurde vom Bundestag 2019 mehrheitlich abgelehnt, obwohl mit ihr sicherlich mehr Menschenleben gerettet worden wären als mit der beschlossenen „erweiterten“ Zustimmungslösung. Wäre die Widerspruchslösung moralisch nicht besser gewesen?

Was ist eigentlich „gut“?

Um in diesem Punkt etwas mehr Klarheit zu gewinnen, müssen wir uns einen Augenblick mit der Frage beschäftigen, was mit den Wörtern „gut” bzw. „besser” eigentlich gemeint ist. Wenn mir mein Arzt sagt, es wäre „gut”, wenn ich mich streng an alle Kontaktbeschränkungen halte, so meint er hiermit genau genommen Folgendes: „Es ist gut für Sie, falls Sie in erster Linie gesund bleiben wollen” (Spaemann, 1982).

Der Arzt beurteilt „gut” in Hinblick auf Gesundheit, er kann aber als Arzt nicht darüber urteilen, wie wichtig mir selbst meine Gesundheit ist. 

Dies gilt natürlich auch für Politiker, die älteren Menschen empfehlen oder sogar vorschreiben, sich nicht mehr mit ihren Kindern oder Enkeln zu treffen. Sie halten dies für „gut” in Bezug auf den Gesundheitsschutz  für besonders gefährdete Personengruppen. 

Bei all diesen Ratschlägen bezieht sich das Wort „gut” immer darauf, dass etwas für irgend jemanden in einer bestimmten Hinsicht gut ist. „Gut” wird hier also nicht in einem moralischen Sinn definiert, sondern in Bezug auf eine Mittel-Zweck-Relation. Erst wenn zwischen Interessen oder Gesichtspunkten ein Konflikt auftaucht, bekommt das Wort „gut” einen absoluten (deontischen) Sinn, man muss entscheiden, was „eigentlich und wirklich” gut ist (vgl. Spaemann, 1982).

Mittel zum Zweck

Politisch Entscheidungen wägen also immer zwischen unterschiedlichen Gesichtspunkten und Interessen ab. Ob diese Entscheidungen (im instrumentellen Sinn) gut oder schlecht sind, hängt davon ab, ob sie zu den gewünschten Ergebnissen führen, also die eingesetzten Mittel tatsächlich den festgelegten Zweck  erreichen. In der gegenwärtigen Krise können uns die medizinischen Experten noch am besten sagen, welche Maßnahmen sich wie auswirken werden. Die letzten Wochen haben allerdings gezeigt, dass sich die medizinischen Experten immer wieder revidieren mussten. Auch waren sie sich mit ihren Ratschlägen nicht immer einig.

Bislang war der Zweck aller Maßnahmen eine Abflachung der Infektionskurve, um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten, also z. B. genügend Beatmungsplätze für die schweren Fälle zu haben. Gleichzeitig war aber von vornherein klar, dass es trotzdem zu vielen Todesfällen kommen würde, da sich viele Schwererkrankte auch intensivmedizinisch nicht würden retten lassen.

Eine völlige Vermeidung von Todesfällen ist bislang (ohne Impfungen und wirksame Medikamente) nicht möglich. Die Diskussion um die sog. „Übersterblichkeit“ in den Medien und den sozialen Netzwerken zeigt, dass es mittlerweile viele gibt, die Todesfälle durch das Virus durchaus akzeptieren, wenn (und dies scheint bislang der Fall zu sein) vor allem sehr alte Personen bzw. Personen mit deutlichen gesundheitlichen „Vorschädigungen“ betroffen sind. 

Der 80jährige Besitzer der Restaurantkette „Blockhouse“ Eugen Block machte gegenüber dem SPIEGEL (17.4.2020) seinem Ärger über die deutsche Regierung Luft, insbesondere über den Gesundheitsminister Jens Spahn.

Restaurantkettenbesitzer Eugen Block im SPIEGEL (17.4.2020)

So oder ähnlich argumentieren viele: „Warum sollen wir die gesamte Wirtschaft zerstören, wenn das Virus nicht mehr Personen tötet als sowieso in diesem Jahr gestorben wären?“ Oder: „Warum sollen wir die gesamte Wirtschaft zerstören, wenn das Virus nicht mehr Personen tötet als in manchen Jahren durch eine Virusgrippe sterben?“

Vielleicht finden Sie diese Argumente moralisch empörend. Trotzdem können wir sie nicht einfach von der Hand weisen. Versuchen wir hierzu eine Rechnung, wie viel uns ein Menschenleben wert sein darf.

Wenn man annimmt, dass unsere Wirtschaft durch den Lockdown einen Schaden von einer Billion Euro erleidet und ohne den Lockdown ca. 100.000 Personen zusätzlich gestorben wären, dann hätten wir für deren Rettung pro Person ca. 10 Millionen Euro aufgewendet.

Steht dieser Aufwand in irgendeinem Verhältnis zum Wert des menschlichen Lebens? Kann und darf man den Wert des menschlichen Lebens berechnen? Immanuel Kant hat dies bestritten, Ökonomen tun es trotzdem (einen kurzen Eindruck vermittelt die Forbes-Grafik vom 27.3.2020).

Unterschiedliche Quantifizierungen des menschlichen Lebens (Forbes-Grafik, 27.3.2020)

Die Problematik der Berechnung des ökonomischen Wertes von Menschenleben haben Benjamin Bidder am 14.4.2020 im SPIEGEL und Katrin Zeug auf Zeit Online am 23.1.2018 dargelegt. Aus philosophischer Sicht erklärte Volker Gerhardt mit Rückgriff auf Immanuel Kant in der Süddeutschen Zeitung am 17.5.2020, ob man ein Leben mit Geld aufwiegen kann.

Trotz aller philosophischen Skrupel gegenüber solchen Berechnungen denken Sie vielleicht, dass 10 Millionen zur Rettung eines Menschen, der womöglich bereits über 80 Jahre alt ist, doch deutlich zu viel sind.

Oder Sie denken, dass es nur darauf ankommt, ob unsere Gesellschaft diese Kosten ohne bleibende Schäden tragen kann. 

Vielleicht haben Sie erkannt, dass die obige Berechnung völlig falsch ist. Dass sie von falschen Zahlen ausgeht und keineswegs als Grundlage einer moralischen Bewertung dienen kann.

Tatsächlich habe ich die Zahlen ziemlich frei erfunden. Sie können also völlig falsch sein. Ich weiß es nicht. 

Warum dann dieses Beispiel? Es soll stellvertretend zeigen, dass es in der gesamten Diskussion über das Für und Wider von Pandemie-Maßnahmen eine Vermischung von Sachargumenten und moralischen Bewertungen gibt. 

Moralische Bewertung von Argumenten

Wenn Sie sich fragen, wie Sie Pro- und Contra-Argumente im Rahmen der Pandemie-Maßnahmen bewerten sollen, müssen Sie zunächst prüfen, ob die Argumente sachlich überhaupt stichhaltig sind. Welche Annahmen sind wissenschaftlich begründet, zu welchen gibt es bislang keine wissenschaftlichen Studien, welche sind aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig? 

Woher sollen Sie das wissen? Alle Informationen finden sich in seriösen Quellen im Netz. Wenn Sie weder Zeit noch Lust haben, sich zu informieren, dann kann ich Ihnen nur die beiden folgenden Regeln empfehlen. 

1. Je restriktiver die Einschränkungen, desto niedriger die Anzahl der Toten und desto höher der wirtschaftliche und gesellschaftliche Schaden.

2. Je schneller und umfassender die Lockerungen, desto höher die Anzahl der Toten und desto geringer der wirtschaftliche Schaden. 

Wenn Leute behaupten, dass man auch beides erreichen könne, also umfassende Lockerungen ohne eine Erhöhung der Todesrate, glauben Sie ihnen nicht! Schauen Sie sich stattdessen die folgenden Abbildungen der New York Times vom 21.4.2020 zur bereits jetzt feststellbaren Übersterblichkeit in vielen Ländern an!

Übersterblichkeit in unterschiedlichen Ländern (New York Times, 21.4.2020)

Falls Sie für die zweite Regel plädieren, sollten Sie allerdings bedenken, dass dieses Vorgehen möglicherweise die Wirtschaft am nachhaltigsten schädigt. Jedenfalls dann, wenn man aufgrund einer zu hohen Todesquote einen zweiten Lockdown anordnen muss. 

Reise nach Jerusalem 

Es gibt eine gute Möglichkeit um zu prüfen, welcher Lösung man bei einem moralischen Problem zustimmen sollte: die Reise nach Jerusalem! Hierbei wird von jeder Person verlangt, abwechselnd den Platz jedes anderen einzunehmen und das moralische Problem aus dessen Perspektive zu beurteilen. Mit dem alten Kinderspiel gleichen Namens hat diese Methode also nur im übertragenen Sinne etwas zu tun.

Wenn es um eine schnelle Öffnung von Gaststätten geht, dann kann man gedanklich die Wirtin, die Kellner, die Stammgäste, aber auch die Familienmitglieder der Gäste auftreten lassen. Sie müssen zunächst eine Lösung finden, erst danach wird Ihnen Ihre Rolle zugewiesen. Sie wissen also noch nicht, ob Sie die Wirtin, der Kellner oder der Großvater Ihrer Stammgäste sein werden. Vielleicht sollten Sie auch den Finanzminister mit in die Reihe der Betroffenen einbeziehen.

Wenn es um das eigene Verhalten in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten geht, dann können Sie überlegen, ob Sie und ihre Familie die Abstands- und Kontaktbeschränkungen sorgsam einhalten werden. Werden Sie die Kinder von den Großeltern fernhalten, Treffen mit den Freunden unterlassen? Wenn Sie bereits Enkel haben, werden Sie auf den Kontakt zu ihnen verzichten? Welche die Regeln werden Sie einhalten, welche werden Sie ignorieren? Aus welchen Gründen? 

Prüfen Sie also jeweils, in welcher Rolle Sie von einer Entscheidung profitieren und in welcher Sie sich ernsthaften Risiken aussetzen.

Finden Sie jeweils Lösungen, mit der Sie aus jeder Position einverstanden sein können? 

Bildnachweis
Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SARS-CoV-2_without_background.png
Quellen
Spaemann, R. (1982). Moralische Grundbegriffe. München: C. H. Beck

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