Was ist ein moralisches Dilemma?

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Psychologie
Dilemma

Basiert das Theaterstück „Terror“ überhaupt auf einem echten moralischen Dilemma?

Im letzten Beitrag hier im Blog habe ich meine Zweifel geäußert, dass dem Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach ein echtes moralisches Dilemma zugrunde liegt. Heute will ich Ihnen meine Zweifel näher erläutern:

Überlegen wir zunächst, was ein moralisches Problem zu einem moralischen Dilemma macht. Ein Dilemma ist im Gegensatz zu einem Problem prinzipiell nicht (optimal) lösbar. Ein moralisches Dilemma stellt uns vor zwei Handlungsmöglichkeiten, die beide zu deutlich negativen Konsequenzen führen.

Heinz-Dilemma

Eines der bekanntesten moralischen Dilemmata in der Moralpsychologie ist das sogenannte Heinz-Dilemma von Lawrence Kohlberg, in dem der Protagonist sich in einer besonders problematischen Lage befindet:

„In einem fernen Land lag eine Frau, die an einer besonderen Krebsart erkrankt war, im Sterben. Es gab eine Medizin, von der die Ärzte glaubten, sie könne die Frau retten. Es handelte sich um eine besondere Form von Radium, die ein Apotheker in der gleichen Stadt erst kürzlich entdeckt hatte. Die Herstellung war teuer, doch der Apotheker verlangte zehnmal mehr dafür, als ihn die Produktion gekostet hatte. Er hatte 200 Dollar für das Radium bezahlt und verlangte 2000 Dollar für eine kleine Dosis des Medikaments.

Heinz, der Ehemann der kranken Frau, suchte alle seine Bekannten auf, um sich das Geld auszuleihen, und er bemühte sich auch um eine Unterstützung durch die Behörden. Doch er bekam nur 1000 Dollar zusammen, also die Hälfte des verlangten Preises. Er erzählte dem Apotheker, dass seine Frau im Sterben lag, und bat, ihm die Medizin billiger zu verkaufen bzw. ihn den Rest später bezahlen zu lassen. Doch der Apotheker sagte: „Nein, ich habe das Mittel entdeckt, und ich will damit viel Geld verdienen.“ – Heinz hat nun alle legalen Möglichkeiten erschöpft; er ist ganz verzweifelt und überlegt, ob er in die Apotheke einbrechen und das Medikament für seine Frau stehlen soll“ (Kohlberg, 1995).

Soll Heinz das Medikament stehlen und damit seine Frau retten? Oder soll er den Diebstahl unterlassen und seine Frau sterben lassen? Wie würden Sie sich an seiner Stelle entscheiden?

Heinz hat nicht die Möglichkeit, seine Frau zu retten und den Apotheker zufrieden zu stellen. Für ihn gibt es nur zwei suboptimale Auswege: entweder den Apotheker zu bestehlen und seine Frau zu retten oder auf den Diebstahl zu verzichten und seine Frau sterben zu lassen. Ein moralisches Dilemma hat also die Form eines Aversions-Aversions-Konfliktes – die Wahl zwischen Skylla und Charybdis.

Allerdings haben die meisten Versuchspersonen eine mehr oder weniger deutliche Präferenz für eine der beiden Möglichkeiten. Vielleicht haben Sie beim Lesen der Geschichte spontan gedacht, dass Heinz das Medikament stehlen solle, weil er seine Frau doch nicht sterben lassen dürfe. Oder es ist für Sie unvorstellbar, vermummt und mit einem Brecheisen bewaffnet in eine Apotheke einzubrechen. Unter keinen Umständen, auch nicht, wenn es um Leben oder Tod Ihrer Ehefrau geht.

Wichtiger als die Entscheidung ist ihre Begründung

Moralpsychologisch ist es übrigens weniger interessant, wie Sie sich entscheiden, sondern viel wichtiger, warum Sie sich so entscheiden, wie Sie sich entscheiden. Die Gründe für einen Einbruch können genauso vielfältig sein wie diejenigen gegen ihn.

Was halten Sie von dem Argument, er dürfe das Medikament nicht stehlen, weil er für den Diebstahl bestraft werden könnte? (1) Vermutlich haben Sie den Eindruck, dass diese Begründung der Situation von Heinz nicht ganz gerecht wird. Soll er seine Frau sterben lassen, nur weil er eine Bestrafung fürchtet? „Er sollte das Medikament stehlen, aber dafür sorgen, dass man ihn nicht schnappt.“ (2) Auch bei diesem Argument ist uns nicht ganz wohl, da es sich wie das erste ausschließlich mit der Frage der Bestrafung beschäftigt.

„Man kann ihn nicht für etwas tadeln, was er aus Liebe zu seiner Frau tut, eher sollte man ihn tadeln, wenn er seine Frau nicht genug lieben wurde, um ihr helfen zu wollen.“ (3) Nicht die möglichen Konsequenzen, sondern die Motive stehen jetzt im Vordergrund: Wenn Heinz seine Frau liebt, wird er einbrechen, wenn er nicht einbricht, liebt er sie zu wenig. „Man kann nicht zulassen, dass jedermann stiehlt, wenn er verzweifelt ist. Der Zweck mag gut sein, aber der Zweck heiligt nicht die Mittel.“ (4) Ist dies tatsächlich so? „Das Medikament zu stehlen ist zwar nicht richtig, aber es ist gerechtfertigt.“ (5)

Diese Argumente unterscheiden sich also nicht nur in ihrem Urteil für oder gegen den Diebstahl, sondern auch in ihrer moralischen „Qualität“. Auf dem Hintergrund der Theorie von L. Kohlberg können wir sie unterschiedlichen moralischen Urteilsstufen zuordnen (ich habe diese Stufen hier beschrieben, wobei die Zahlen oben die Zuordnung zu den Stufen verdeutlichen).

Nach Kohlberg muss ein moralisches Dilemma auf jeder der moralischen Urteilsstufen sowohl eine Pro- als auch eine Contra-Begründung zulassen. Die Konsequenz: Allein aus der Entscheidung für Pro oder Contra kann man noch nicht auf die moralische „Qualität“ dieser Entscheidung schließen. Man muss also erst die Begründung kennen.

Moralische Dilemmata sind fiktive, konstruierte Geschichten

Moralische Dilemmata wie das Heinz-Dilemma sind fiktive, konstruierte Geschichten. Sie spielen irgendwo „in einem fernen Land“, in dem es keine Krankenversicherung gibt und man einen Apotheker nicht wegen unterlassener Hilfeleistung anklagen kann. Moralische Dilemmata sind künstlich und lebensfremd – mit Absicht!

Alle denkbaren Möglichkeiten – und seien sie noch so unwahrscheinlich – dem Dilemma zu entgehen, sollen hierdurch ausgeschlossen werden.

Beim Stück von Ferdinand von Schirach ist dies anders. Warum wird das Stadion mit den 70.000 Menschen nicht einfach geräumt? Statt über den moralischen Kern der Geschichte zu grübeln, könnte man auch über die vergebenen Chancen einer „technischen“ Lösung nachdenken – dann wäre es nur ein vermeintliches Dilemma.

Recht und Moral

Ist der Abschuss des Passagierflugzeugs wirklich verboten? Oder kann sich der Pilot auf einen „übergesetzlichen Notstand“ berufen? Was hat das Bundesverfassungsgericht 2006 genau entschieden? Ist das Handeln des Piloten überhaupt von diesem Urteil betroffen? Auf diesem Weg kann man der moralischen Frage durch eine juristische Diskussion entgehen.

Am 17.10.2016 entschieden sich von den Zuschauern der ARD 87 Prozent für den Freispruch des Piloten. Diese deutliche Mehrheit für eine der Alternativen lässt annehmen, dass die meisten Zuschauer die Entscheidung des Gerichts nicht als ein unlösbares Dilemma empfunden haben.

Im Stück geht es nicht um die Entscheidung des Piloten, also nicht darum, ob er das Flugzeug abschießen sollte oder nicht. In diesem Fall würde das Stück in der Flugzeugkanzel spielen und kurz vor dem Moment abbrechen, an dem es die letzte Möglichkeit gegeben hätte, die Abschussraketen auszulösen.

Von Schirachs Stück konstruiert demgegenüber die Gerichtsverhandlung nach vollzogener Tat. Also so, als hätte Heinz den Einbruch begangen und müsste sich nun vor Gericht hierfür verantworten. In Bezug auf das eigentliche moralische Dilemma erfolgt hierdurch eine „Problemverschiebung“.

Das Gericht muss gar nicht entscheiden, ob der Pilot richtig oder falsch gehandelt hat. Es muss nur entscheiden, ob er sich strafbar gemacht hat.

Vor allem darf ein Gericht nicht vorrangig moralisch argumentieren. Es muss seine Urteile rechtlich begründen – in Bezug auf die Stufen Kohlbergs ist es also zumindest der Stufe 4 („Recht und Ordnung“) verpflichtet.

Im nächsten Beitrag schaue ich mir das „Trolley-Dilemma“ genauer an („Darf man eine Weiche umstellen, wenn der Zug dann nur einen statt fünf Menschen tötet?“) – ein weiteres Lieblingskind der Moralpsychologie, das auch im Theaterstück „Terror“ eine Rolle spielt.

Bildnachweis: Henry Fuseli [Public domain or Public domain], 
via Wikimedia Commons
Literaturhinweis

Kohlberg, L. (1995). Die Psychologie der Moralentwicklung. 
Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Terror von Ferdinand von Schirach

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Kurzmitteilung / Psychologie
Trolley Problem

Ein moralpsychologisches Lehrstück?

Die ARD hat am 17.10.2016 das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach abends zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Die Zuschauer hatten dann – wie im Theaterstück – die Möglichkeit, ihr eigenes Urteil abzugeben (wobei viele wohl aufgrund technischer Probleme der ARD weder telefonisch noch per Internet zur Stimmabgabe kamen – ich habe es auch nicht geschafft).

Der Inhalt des Stücks dürfte bekannt sein – ein Kampfpilot schießt ein mit 164 Passagieren besetztes Flugzeug ab, das von einem Terroristen entführt wurde und ein mit 70.000 Menschen besetztes Fußballstadion ansteuert. Im Stück wird die Gerichtsverhandlung dargestellt und die Zuschauer dürfen über das Urteil entscheiden: Soll der Pilot wegen 164fachen Mordes verurteilt oder freigesprochen werden?

Der Bundesrichter Thomas Fischer hat auf in seinem Blog auf Zeitonline das Stück (nicht nur) aus juristischer Sicht massiv kritisiert. Seine Argumente zum Zusammenhang von Schuld und Recht sind erhellender als das gesamte Stück.

„Weil das Stück von Schirach die Unterscheidung zwischen Unrecht und Schuld fast vollständig unterschlägt, unterschlägt es auch die Tatsache, dass die Lösung des Dilemmas keineswegs nur „jenseits des Rechts“, also irgendwo im Reich der höchstpersönlichen, beliebig „abstimmbaren“ Moral gefunden werden kann, sondern dass es gerade das Recht ist (und sein muss), das sich die am weitesten gehenden und überzeugendsten Gedanken zu solchen Problemen gemacht hat“ stellt Fischer in seinem Blog fest.

Ich bin mir nicht sicher, ob das Recht sich die „am weitesten gehenden und überzeugendsten Gedanken“ gemacht hat (falls sich das Recht überhaupt Gedanken macht). Plausibel ist aber, dass die juristische Lösung des Falles durchaus möglich ist. Dies zeigt auch das im Fernsehstück dann gespielte Urteil, in dem der Richter plötzlich den „übergesetzlichen Notstand“ aus dem „Fernsehzylinder zaubert“ (Fischer).

So wie sich der Jurist Fischer über die rechtlichen Unzulänglichkeiten des Stückes ärgert, ärgere ich mich über die verpasste Chance, einem Millionenpublikum ein faszinierendes moralisches Dilemma zu präsentieren.

Das Abstimmungsergebnis (87% der Zuschauer votierten für „Freispruch“) zeigte deutlich, dass für die meisten gar kein Dilemma vorlag, sondern alles für die „Freispruch-Alternative“ sprach (für die ich übrigens auch gestimmt hätte). Wenn ein moralisches Problem keinen Dilemmacharakter hat, dann ist es als Grundlage einer spannenden Diskussion nur wenig geeignet. Dilemma bedeutet ja, dass es keine zufriedenstellende Lösung gibt, sondern nur zwei (oder mehrere) suboptimale Lösungen: Wie man sich auch entscheidet, man macht immer etwas falsch. Ein ideales moralisches Dilemma sollte auf jeder moralischen Urteilsstufe (siehe meinen Beitrag vom 29.9.2016) eine Begründung für beide Alternativen zulassen. Dies kann man in Schirachs Stück allenfalls für den Piloten annehmen, aber leider nicht für den Zuschauer in der Rolle eines Schöffen.

Bei Hart aber fair stand Gerhart Baum mit seiner Ablehnung des Freispruchs daher auf verlorenem Posten.

Die typischen Requisiten moralpsychologischer Forschung kamen übrigens fast alle im Stück vor: das sog. Trolleydilemma („Soll man die Weiche umstellen, wenn statt fünf dann nur ein Mensch getötet wird?“), Kants Aufsatz zum „Lügen“, die moralische Intuition. All dies wurde aber nur angedeutet und wurde nicht weiter vertieft.

Ich möchte die nächste Zeit nutzen, um einige dieser Hintergründe hier im Blog zu vertiefen.

 

* Abbildung von McGeddon - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52237245

 

Wie kommt die Moral in den Menschen? Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung

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Psychologie

Wie entwickeln sich unsere Vorstellungen von „Richtig“ und „Falsch“, von „Gut“ und „Böse“? Kommen wir mit einem „Moralsinn“ auf die Welt? Oder sind wir ethisch gesehen unbeschriebene Blätter, die nur darauf warten, von den Erwachsenen ausgefüllt zu werden?

Vermutlich ist beides falsch. Wir werden nicht mit einem Sinn für das Moralische geboren, aber wir sind auch keine leeren Wachstafeln. Einige wichtige Voraussetzungen für die Unterscheidung von Gut und Böse beherrschen wir schon sehr früh. Bevor wir überhaupt sprechen können, unterscheiden wir Lebewesen von toter Materie. Wir sehen den Unterschied zwischen „Bewegen“ und „Bewegt werden“ – eine wichtige Vorbedingung, um Täter von Opfern zu unterscheiden. Bereits mit neun Monaten bevorzugen wir nicht nur diejenigen, die unsere Vorlieben teilen, sondern auch diejenigen, die uns in unseren Abneigungen ähnlich sind.

Nach Jean Piaget ist unsere Welt in den ersten Lebensjahren egozentrisch: Wir sind ihr Mittelpunkt und wir sehen sie noch nicht mit den Augen der anderen. Moralisch gesehen hat dies auch Vorteile: Wir können noch nicht lügen! Wer einem Dreijährigen bei den ersten Täuschungsversuchen zuschaut, versteht, dass die kindliche Unschuld auf kognitivem Unvermögen beruht. Erst wenn Kinder verstehen, was andere denken und wünschen, können sie erfolgreich täuschen. Aber nicht nur die Lüge, auch die Wahrheit funktioniert nicht ohne den Verstand.

Wie entwickeln sich unsere Vorstellungen von Moral im Laufe unseres Lebens? Der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Entwicklung in Stufen eingeteilt.

Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung

1. Lohn und Strafe

Woher wissen wir überhaupt, was richtig und falsch, was gut und böse ist? Da uns dies Wissen nicht in die Wiege gelegt wurde, erfahren wir es von den Älteren. Aber was für eine Art von Wissen vermitteln die Älteren uns? Vieles bezieht sich auf konkrete Situationen: Das darfst du nicht! Dies musst du so machen! Warum? Weil es nicht erlaubt ist. Weil es böse ist. Weil du dem anderen nicht wehtun sollst. Weil er dann traurig ist. Weil er dann nicht mehr mit dir spielen will.

Aus den elterlichen Ge- und Verboten destillieren wir als Kinder die moralische Regel: Was verboten ist, wird bestraft. Was bestraft wird, ist böse! Was belohnt wird, ist gut! Auf die Konsequenzen kommt es an, nicht auf die Intentionen.

2. Zweckdenken

Aber wir entwickeln uns schnell weiter. Wir fangen an zu verstehen, wie die Anderen denken, welche Wünsche und Ziele sie haben. Wir lernen, dass wir gewinnen, wenn wir schneller, cleverer oder tüchtiger sind. Aber auch, dass wir verlieren, wenn die Konkurrenz besser ist! Wenn wir schneller sind, gehört der Preis uns – zu Recht.

Gut ist, was erfolgreich ist. Wenn die Älteren die Kleinen vom Fußballplatz vertreiben, dann machen sie es, weil sie es können. Wenn die Kleinen ihr Spielfeld mit Hilfe des Platzwartes zurück erobern, dann ist auch dies okay, weil es erfolgreich war. Was richtig ist, steht nicht am Anfang fest, sondern erst am Ende. Wenn die Älteren die Kleinen rachsüchtig verprügeln, wendet sich das Blatt ja wieder. Am besten wir rechnen mit allem und bleiben wachsam!

3. Übereinstimmung mit anderen

Im Jugendalter werden wir konventionell – unsere Moral orientiert sich an sozialen Normen. Wir möchten so sein wie die anderen. Richtig ist, was die Clique denkt. Richtig ist, was die Familie denkt. Und hoffentlich denken alle in die gleiche Richtung. Falls nicht, müssen wir Familie und Freunde auseinander halten. Die Freunde helfen uns, zu uns selbst zu finden, uns von den Eltern zu lösen, erwachsen zu werden.

Die Normen der Gruppe werden zu den eigenen. Die Sicherheit der Gruppe hat allerdings auch ihren Preis: Es fällt dem einzelnen schwer, Ungerechtigkeiten zu erkennen, die von der Gruppe getragen werden. Dies würde einen von der Gruppe unabhängigen Standpunkt erfordern, der auf dieser Stufe noch nicht erreicht ist.

Die Angst vieler Eltern, ihr Kind könnte als Jugendlicher in „schlechte Gesellschaft“ geraten, zeigt, dass die Gesellschaft diesen Gruppendruck, dem gerade Jugendliche unterliegen, gut kennt. Dabei werden die realen Gefahren allerdings häufig überschätzt und die notwendigen Entwicklungschancen unterschätzt – aber das ist ein anderes Thema. So bizarr und „unkonventionell“ das Aussehen vieler Jugendlicher aus erwachsener Sicht auch erscheinen mag, so konventionell ist im Grunde ihr Denken: Richtig ist, was die Clique für richtig hält.

4. Recht und Ordnung

Die Moral der Gruppe stößt in pluralistischen Gesellschaften schnell an Grenzen – was ist richtig, wenn für jede unserer Rollen andere Regeln gelten? Wer Werte über die Grenzen von Gruppen hinweg managen möchte, braucht eine übergeordnete Perspektive. Ganz einfach ist dieser Schritt nicht – Helmut Kohl verweigerte ihn mit dem Hinweis, dass man sein Ehrenwort nicht breche. Die gesellschaftliche Perspektive stellt die Moral auf die Grundlage von Recht, Gesetz und Pflicht.

Stellen wir uns das typische Szenario eines Western vor:

Ein gottverlassener Ort wird von den Männern eines reichen Ranchers terrorisiert. Eines Tages taucht ein unbekannter Revolverheld auf, den die bedrängten Farmer um Hilfe bitten. Beim ersten Zusammentreffen mit dem Rancher stellt sich heraus, dass beide sich von früher kennen. Hält sich unser Revolverheld eingedenk alter Freundschaft aus der Sache raus oder stellt er sich auf die Seite der Farmer, besiegt den Rancher und sorgt für die Wiederherstellung von „Recht und Ordnung“?

Westernkenner wissen, wie die Sache weitergeht: Nach einem blutigen Showdown mit unzähligen Toten siegt das Recht.

So sehr uns die eigene Familie, Freunde und Kollegen auch am Herzen liegen mögen, unsere moralischen Entscheidungen sollen jetzt den Ansprüchen der Allgemeinheit standhalten. Den Freund also doch verraten? Recht und Gesetz machen unsere Moral nicht unbedingt freundlich und liebenswert, sondern manchmal auch kalt und herzlos.

5. Postkonventionelle Moral

Die Orientierung an der sozialen Norm, am Gesetz oder der Pflicht kann natürlich auch falsch sein. Die jüngere deutsche Geschichte hat hierzu viele Beispiele parat, von den Unrechtsurteilen der Nazizeit bis zu den DDR-Belobigungen für „Mauerschützen“. Können wir eine dem Gesetz übergeordnete Perspektive einnehmen, mit der wir erkennen, wann die Anwendung von Recht zu Unrecht führt? Diese Fähigkeit erwarten wir von unseren Verfassungsrichtern und hoffentlich auch von uns selbst. Dieser Schritt von der „konventionellen“ zur „postkonventionellen“ Moral gelingt uns – wenn überhaupt – erst spät und kann durchaus als Merkmal des Erwachsenseins aufgefasst werden.

 

Anmerkungen:

Dieser Beitrag ist in einer früheren Version in der Evangelischen Kirchentageszeitung vom 1.5.2013 erschienen. Ich danke der Redaktion, dass ich die Inhalte hier im Blog verwenden darf!

Die hier skizzierten fünf moralischen Urteilsstufen beziehen sich auf die Theorie der moralischen Urteilsentwicklung des amerikanischen Psychologen Lawrence Kohlberg (1927–1987). Eine ausführliche kritische Darstellung dieser Theorie findet sich z. B. in meinem Buch „Einführung in die Moralpsychologie“, Weinheim: Beltz, 2008.