Psychologische Freundschaftsforschung. Ein Überblick*

Psychologie

[*]  Der folgende Artikel zur Freundschaftsforschung ist im Original 2013 in der Zeitschrift Familiendynamik erschienen (Heidbrink, H. (2013). Psychologische Freundschaftsforschung. Ein aktueller Überblick. Familiendynamik, 38 (3), 180-187.)

Ich danke der Redaktion und dem Verlag der Familiendynamik für die Erlaubnis, diesen Beitrag hier erneut zu veröffentlichen.

Zusammenfassung

Obwohl Freundschaften zweifellos durch die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen beeinflusst sind, ergeben sich aus den einschlägigen Studien der letzten Jahrzehnte keine deutlichen Hinweise auf dramatische Veränderungen von Freundschaftsbeziehungen. 

Soziale Netzwerke im Internet führen nicht zur Trivialisierung von Freundschaften, sondern dienen vor allem der Freundschaftspflege in Zeiten, in denen viele berufsbedingt mobil sind und sein müssen. Die Fähigkeit zur Freundschaft ist uns nicht angeboren, sondern wir müssen sie entwickeln. In Kindheit und Jugend lernen wir mit Freunden umzugehen und auf sie einzugehen, wir entwickeln durch sie weitere, zusätzliche Perspektiven auf uns und unsere Beziehungen. Freundschaften helfen uns bei der Ablösung vom Elternhaus und beim Erwachsenwerden, bei der Balance zwischen Interdependenz und Autonomie.

Freundschaften zwischen Frauen unterscheiden sich häufig von Freundschaften zwischen Männern. Zwischen Frauen dominiert das Gespräch, zwischen Männern die Interaktion. In beiden Fällen handelt es sich um gleichberechtigten Austausch – zumindest in unserer Idealvorstellung von Freundschaft, an die unsere realen Freundschaften allerdings häufig nicht heranreichen.

Freundschaften tun uns gut, nicht nur unserem psychischen, sondern auch unserem physischen Wohlbefinden. 

Psychological Friendship Research – An overview

Summary

Although friendships are definitely influenced by the prevailing cultural and social conditions, studies on this topic over the past few decades do not contain any clear indications of dramatic changes to friendships emanating from this quarter.

Social networks on the internet do not lead to a trivialisation of friendships. In an age when professional requirements make many of us highly mobile, they are in fact an operative factor in the active cultivation of friend- ships. Our capacity for friendship(s) is not innate, we have to work on it. In childhood and adolescence we learn how to treat our friends and relate to them. Through them we develop further additional perspectives on ourselves and our relationships. Friend- ships help us during the separation process from our parental home. They facilitate our progress towards adult- hood and help us to find a balance between interdependence and autonomy.

Friendships between women often differ from those between men. In female friendships verbal exchange is paramount, in the male variety interaction is the dominant feature. In both cases the exchange takes place on an equal basis, at least in our idealised notion of friendship, which our actual real-life friendships may not always live up to.

Friendships do us good, not only psychologically but also in terms of our physical well-being.


Psychologische Freundschaftsforschung. Ein Überblick*

Freundschaft ist in der Psychologie erst in den letzten Jahrzehnten zum Thema geworden. Vorher fand man selbst in Lehrbüchern kaum etwas zu dieser so alltäglichen sozialen Beziehung. Gegenwärtig scheinen vor allem die neuen sozialen Netzwerke im Internet das Thema Freundschaft und auch die Freundschaftsforschung zu inspirieren. Auf der einen Seite steht die medien- und kulturkritische Befürchtung, dass Freundschaften durch Netzwerke wie Facebook irgendwie „entwertet“ werden, sich in ihnen die „wahren“ Freundschaften des Real Life in nebulöse, kurzfristige Pseudofreundschaften verwandeln (vgl. Deresiewicz, 2009).

Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, dass soziale Netze immer mehr Einfluss auf unsere persönlichen Beziehungen bekommen. Dies mag weniger an einem prinzipiell negativen Einfluss des Mediums Internet liegen als an der nicht bestreitbaren Tatsache, dass durch kommerzielle Netzwerke mittlerweile ein großer Teil unserer beruflichen und privaten Kommunikation vermittelt wird.

Indem Netzwerke nicht nur die Kategorien für die Einteilung unserer sozialen Beziehungen vorgeben, sondern auch die Art und Weise unserer Kommunikation technisch determinieren, beeinflussen sie diese mehr oder weniger stark. Die anfänglich befürchteten negativen Auswirkungen medial vermittelter Kommunikation scheinen allerdings nicht eingetroffen zu sein. Möglicherweise nehmen wir sie aber auch mit zunehmender Gewöhnung gar nicht (mehr) als negativ wahr.


Definitionen und Konzepte von Freundschaft

Wir alle haben eine bestimmte Vorstellung von Freundschaft. Selbst wenn wir aktuell niemanden als Freund bezeichnen würden, haben wir sicherlich früher Freunde bzw. Freundinnen gehabt, als Kinder, als Jugendliche, als Erwachsene. Jeder kennt also freundschaftliche Beziehungen aus eigener Erfahrung. Als kleine Kinder haben wir schnell Freundschaften geschlossen, diese aber auch ebenso schnell wieder beendet. Freundschaften waren meist Spielkameradschaften auf Zeit, die man bei Streitigkeiten beenden und bei danach aufkommender Langeweile wieder reaktivieren konnte. Erwachsenen fällt das Schließen von Freundschaften deutlich schwerer. Obwohl wir also alle auf mehr oder weniger ausgeprägte Freundschaftserfahrungen zurückgreifen können, fällt uns eine genauere Bestimmung dieser sozialen Beziehung nicht leicht.
Freund, Freundin, Freundschaft, befreunden und befreundet sein – sprachlich haben wir viele Möglichkeiten, soziale Beziehungen mit Freundschaftsattributen auszuzeichnen. In diesem Sinne kann ich z. B. eine berufliche Beziehung als freundschaftlich bezeichnen, um neben dem formellen Aspekt („Wir sind Kollegen!“) auch eine besondere Enge und Vertrauensbasis („Wir sind auch Freunde!“) deutlich zu machen. Bei hierarchischen Beziehungen kann die Qualifizierung als freundschaftlich eine gleichzeitig existierende Ebene der Gleichheit bzw. Reziprozität postulieren („Er ist zwar mein Chef, aber auch mein Freund!“). In diesem Sinne kann eine Mutter die Beziehung zu ihrer Tochter als freundschaftlich bezeichnen. Mit einer derartigen Redeweise soll zumeist eine formelle Sozialbeziehung als durch eine informelle Freundschaftsbeziehung „überlagert“ gekennzeichnet werden (vgl. Heidbrink, 2009, S. 36 f.).

So scheinen auch die Grenzen zwischen Freundschafts- und Liebesbeziehungen fließend zu sein. Es ist durchaus üblich, dass sich die Partner in einer Liebesbeziehung als Freund bzw. Freundin bezeichnen, wobei manchmal nur durch die Wahl des Pronomens auf die Exklusivität einer Liebesbeziehung hingewiesen wird: „meine Freundin“ vs. „eine Freundin“.
Diese sprachlichen Nuancierungen machen Unterschiede zwischen Freundschafts- und Liebesbeziehungen deutlich. So gehen wir meist davon aus, dass romantische Beziehungen einen Exklusivitätsanspruch beinhalten, den es in Freundschaftsbeziehungen in strikter Form nicht gibt.
Auhagen (1991, 1993) schlägt nach kritischer Durchsicht unterschiedlicher wissenschaftlicher Definitionen vor, Freundschaft folgendermaßen zu bestimmen:

„Freundschaft ist eine dyadische, persönliche, informelle Sozialbeziehung. Die beiden daran beteiligten Menschen werden als Freundin¬nen oder Freunde bezeichnet. Die Existenz der Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit; sie besitzt für jede(n) der Freundinnen/Freunde einen Wert, welcher unterschiedlich starkes Gewicht haben und aus verschiedenen inhaltli-chen Elementen zusammengesetzt sein kann. Freundschaft wird zudem durch folgende weitere essentielle Kriterien charakterisiert: Freiwilligkeit – bezüglich der Wahl, der Gestaltung und des Fortbestandes der Beziehung; zeitliche Ausdehnung – Freundschaft beinhaltet einen Vergangenheits- und einen Zukunftsaspekt; positiver Charakter – unabdingbarer Bestandteil von Freundschaft ist das subjektive Erleben des Positiven; keine offene Sexualität“ (Auhagen, 1993, S. 217).

Kolip (1993, S. 82) kritisiert an dieser Definition, dass in ihr explizit formelle Beziehungen ausgeschlossen werden. Sie verweist hierzu auf Untersuchungen, in denen Männer relativ häufig eine Frau als „engsten Freund“ bezeichneten, wobei sie meist ihre Ehefrauen meinten (vgl. Lowenthal, Thurnher & Chiriboga, 1975; Rubin, 1985). Problematisch findet sie auch das Kriterium der sexuellen Enthaltsamkeit, das bei Auhagen eine deutliche Grenze zwischen Freundschafts- und Liebesbeziehungen markieren soll.

Wie viele Freunde/Freundinnen haben wir?

Die Frage nach der Anzahl unserer Freunde ist weitaus weniger leicht zu beantworten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Dies hängt vor allem mit der unklaren Definition von Freundschaft zusammen, so dass wir je nach Art der konkreten Frage durchaus unterschiedlich antworten können. Argyle und Henderson (1990, S. 86) berichten, dass die meisten Personen einen oder zwei „beste Freunde“ haben, viele allerdings auch keinen. Bei „engen Freunden“ wurden durchschnittlich fünf genannt, fragt man generell nach „Freunden“ ca. 15. Bei einer Infratest-Erhebung aus dem Jahr 2008 antworteten auf die Frage nach der Anzahl „enger Freunde“ 7% mit „keinen“, 27% mit 1 oder 2, 42% mit 3 bis 5, 20% gaben mehr als 5 enge Freunde an (4% keine Antwort) (Infratest, 2009).
Auch in einer aktuellen Studie von Neji (2012) ergaben sich vergleichbare Zahlen bei einer Internetbefragung (N = 336). Die Teilnehmer hatten im Schnitt 2,5 beste Freunde, 3,2 enge und 11,6 lockere Freunde. 2,7% der Teilnehmer hatten keinen besten Freund, 3,3% der Teilnehmer keinen engen Freund und 1,2% der Teilnehmer keinen lockeren Freund (Neji, 2012, S. 20). Das Alter der Befragten korrelierte hoch mit dem Alter der Freunde/Freundinnen: beste Freunde .82, enge Freunde .76, lockere Freunde .70 (Neji, S. 21). Je enger die Freundschaft, desto ähnlicher sind sich die Freunde in Bezug auf ihr Alter. Ähnlich hohe Alterskorrelationen zwischen Freunden finden sich auch in anderen Untersuchungen (z. B. Marbach, 2007, S. 80).

Entwicklung von Freundschaften

Die Freundschaftsforschung gilt zu Recht als theoretisch wenig fundiert. Empirische Arbeiten in diesem Bereich beziehen sich häufig nicht oder nur beiläufig auf theoretische Konzepte. Eine Ausnahme bildet vor allem der entwicklungspsychologische Blick auf Freundschaften. Hier geht es auch um die Frage, ab wann Kinder untereinander Freundschaften entwickeln und inwieweit sich Freundschaften im Laufe von Kindheit und Jugendalter verändern. In enger Anlehnung an die Entwicklungsstufen der „Sozialen Perspektivenübernahme“ (Selman, 1976; Heidbrink, 2008) hat Selman (1984, S. 116) fünf Entwicklungsstufen von Freundschaftskonzepten vorgeschlagen (die Altersangaben sind hierbei nur als grobe Orientierung zu verstehen).

Enge Freundschaft als momentane physische Interaktion (5–6 Jahre)

Für Kinder auf dieser Stufe besteht Freundschaft aus Miteinander-Spielen. Sie haben noch Schwierigkeiten, zwischen verschiedenen Graden von Befreundetsein zu unterscheiden. „Was für eine Person ist ein guter Freund? Jungen spielen mit Jungen, Lastautos spielen mit Lastautos, Hunde spielen mit Hunden. Warum sind sie deshalb gute Freunde? Weil sie dieselben Dinge tun“ (S. 153). Selbst wenn die Kinder den Begriff des Vertrauens bereits kennen, verstehen sie ihn eher physisch, d. h. der andere wird ihnen ihr Spielzeug nicht wegnehmen oder zerstören: „Wer ist dein bester Freund? Erich. Vertraust du ihm? Ja. Was heißt das, dass du ihm vertraust? Wenn ich ihm ein Spielzeug gebe, weiß ich, dass er es nicht kaputtmacht. Woher weißt du das? Er ist nicht stark genug“ (S. 154).
Auch Konflikte und Konfliktlösungen basieren noch auf demselben naiven Vertrauen auf körperlicher Kraft: „Wenn du und deine Freundin beide mit demselben Spielzeug spielen wollt, wie entscheidet ihr dann, wer es bekommt? Hau‘ sie. Oder spiel‘ einfach mit was anderem“ (S. 154).

Enge Freundschaft als einseitige Hilfestellung (7–9 Jahre)

Freundschaft wird hier als einseitige, zweckorientierte Beziehung gesehen: „Man braucht einen Freund, weil man Spiele spielen möchte, und man muss jemanden haben, der so spielt, wie man das möchte“ (S. 155). Um einen Freund zu finden, muss man also dessen Interessen und Vorlieben kennen. Ein guter Freund weiß aber auch, was man selbst gern tut. Dies sind auch die Kriterien, nach denen Freundschaften gerangreiht werden können: „Der beste Freund ist der, der weiß, welche Spiele man am liebsten spielt“ (S. 156). Die Ursachen von Konflikten werden genauso einseitig gesehen wie die möglichen Lösungen: „Wie entsteht ein Streit zwischen Freunden? Wenn sie Schimpfworte zu mir sagt oder so. Wie könnt ihr dann wieder Freunde werden? Bring sie dazu, dass sie’s zurücknimmt und sagt, dass sie gelogen hat“ (S. 156).

Enge Freundschaft als Schönwetter-Kooperation (10–12 Jahre)

Auf dieser Freundschaftsstufe bekommen die Kinder eine erste Idee davon, dass man Beziehungen nicht nur eingeht, weil man einen Spielpartner benötigt, sondern dass es um die soziale Interaktion selbst geht. Vertrauen wird jetzt als „Reziprozität von Gedanken wie von Taten interpretiert“ (S. 157). Man kann dem anderen also nicht nur Dinge anvertrauen, sondern auch Informationen, die dieser nicht an Dritte weitergeben wird. Ein aktueller Streit beendet eine Freundschaft, diese kann aber durch aufrichtiges gegenseitiges Versöhnen wieder hergestellt werden. „Kann jemand dein Freund sein, auch wenn ihr euch streitet? Ja. Wenn man sich streitet und sagt, ‚ich hasse dich‘ und ‚du bist doof, ich hasse dich, ich hasse dich‘, und wenn man das wirklich ernst meint, dann wäre das nicht gut; aber wenn man es nicht wirklich so meint, und man meint es in dem Moment, aber nicht wirklich, dann ist es schon in Ordnung“ (S. 120).

Enge Freundschaft als intimer gegenseitiger Austausch (Jugendalter)

Auf dieser Stufe gelingt es den Freunden, nicht nur sich selbst mit den Augen des anderen zu sehen (vorherige Stufe), sondern die Freundschaft als Beziehung zu begreifen. Die Nähe innerhalb der Freundschaft wird jetzt daran gemessen, inwieweit die Freunde bzw. Freundinnen sich über intime persönliche Belange austauschen können (S. 159). Die Intensität der Freundschaft berührt auch Gefühle von Eifersucht, da die Freundschaft den Charakter von Exklusivität bekommen kann – man möchte die Freundin bzw. den Freund nicht mit anderen teilen. Freundschaft wird jetzt auch als das Ergebnis einer zeitlich dauerhaften Beziehung gesehen: „Du kennst deine Freundin schon ganz lange, und du magst sie so gern, und dann bist du plötzlich sauer auf sie und sagst: Ich könnte dich einfach abmurksen; aber man mag sich doch noch, weil man sich schon seit Jahren kennt und immer eng befreundet war, und du weißt eigentlich, daß ihr in ein paar Sekunden sowieso wieder Freunde sein werdet“ (S. 124).

Enge Freundschaft als Autonomie und Interdependenz (Adoleszenz, Erwachsene)

Diese Freundschaftsstufe stellt die Überwindung der engen Abhängigkeiten der vorherigen Stufe dar, die jetzt durch den Anspruch an Autonomie ausbalanciert wird. „Man kommt dann an einen Punkt, wo man fast abhängig ist vom anderen, und man ist kein Individuum mehr. Wenn du – wenn sie alles über dich weiß, wenn du so abhängig von ihr bist, finde ich das egoistisch“ (S. 125). Nach Selman versuchen Freunde auf dieser Stufe, (a) auf die „eigenen tieferen Gefühle zu achten; (b) auf die persönlichen und emotionalen Belange des Freundes einzugehen; und (c) einen Modus zu finden, sich diese Gefühle gegenseitig mitzuteilen“ (S. 126).
Fatke und Valtin (1988) konnten in einer deutschen Studie mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (N = 130) wesentliche Annahmen von Selman bestätigen.

In entwicklungsbezogenen Darstellungen von Freundschaftsbeziehungen wird meist deren positiver Charakter hervorgehoben. Neben der Einübung und Übernahme unterschiedlicher sozialer Perspektiven haben enge Freundschaften vor allem in Bezug auf die Ablösung vom Elternhaus wichtige Funktionen. Seiffge-Krenke (2009) spricht in diesem Zusammenhang von Freunden als „Entwicklungshelfern“. Jugendliche unterscheiden ab dem 12. Lebensjahr zwischen öffentlichen und privaten Informationen und sind weniger bereit, private Informationen mit den Eltern zu besprechen. Die Adressaten der „Selbstenthüllung“ („self-disclosure“) verändern sich zwischen dem 12. und 17. Lebensjahr deutlich: Die Zwölfjährigen vertrauen sich noch am ehesten der Mutter an, die Fünfzehnjährigen bevorzugen enge Freunde, bei den Siebzehnjährigen ist es bereits häufig der romantische Partner, mit dem Vertrauliches besprochen wird. Gegenüber beiden Eltern wird zunehmend weniger enthüllt; deren Stelle nehmen zunächst Freunde und später auch romantische Partner ein (vgl. Heidbrink, 2009, S. 43).

Neben dyadischen Freundschaften bilden Kinder und Jugendliche auch Cliquen, also kleine Gruppen von Freunden, die sich meist in ihrem familiären Hintergrund, ihren Einstellungen und Wertvorstellungen ähneln. Zunächst beschränken sich die Cliquen auf Mitglieder des gleichen Geschlechts, mit steigendem Alter ergeben sich dann auch gemischte Gruppen. Jugendliche orientieren sich an der Gruppe der Gleichaltrigen und entwickeln ihre Verhaltensweisen, Einstellungen und moralischen Intuitionen innerhalb der Peergruppe. Neuere Studien zur Entwicklung des menschlichen Gehirns sprechen für die Auffassung, dass die Pubertät als eine Art Prägephase in Hinblick auf die Übernahme sozialer Regeln und moralischer Intuitionen angesehen werden kann (Heidbrink, 2008, S. 157). Die Angst von Eltern, ihr Kind könnte als Jugendlicher in „schlechte Gesellschaft“ geraten, korrespondiert mit dem Gruppendruck, dem gerade Jugendliche unterliegen (S. 78). Die problematische Seite von Freundschaftsauswirkungen im Jugendalter zeigen auch Analysen delinquenter Freundschaftsnetzwerke. Die Anzahl delinquenter Freunde erhöht die Wahrscheinlichkeit, als Mehrfachgewalttäter in Erscheinung zu treten stärker als andere Einflussfaktoren wie Alkohol- und Drogenkonsum, Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen, erlebte Elterngewalt und Konsum gewalthaltiger Medien (Baier et al., 2009, S. 81 ff.; vgl. Heidbrink, 2009, S. 44).

Freundschaft als Prozess

Nach Argyle und Henderson (1990, S. 91) kann man die Entstehung von Freundschaften als einen dreiphasigen Prozess verstehen, der auch einen fortlaufenden Auswahlprozess beinhaltet. In der ersten Phase lernen wir Personen oberflächlich kennen, auf die dann in der nächsten Phase geplante Verabredungen bzw. Treffen erfolgen. Auf der letzten Stufe können dann aus den sporadischen Treffen regelmäßige werden und eine wechselseitige Bindung erfolgen. Die einzelnen Stufen kann man sich als „Filter“ vorstellen, über die wir die neuen Bekanntschaften auf ihre „Freundschaftseignung“ prüfen und von diesen geprüft werden. Bei den ersten Einladungen geht es meist darum, etwas über die Einstellungen, Interessen, Wertvorstellungen und den Lebensstil des anderen zu erfahren. Für Freundschaften sind derartige Ähnlichkeiten notwendige, wenn auch nicht immer hinreichende Voraussetzungen. Solange wir wenig über den anderen wissen, besteht die Gefahr, dass wir statt Gemeinsamkeiten deutliche Differenzen entdecken. Beim typischen Small Talk geht es also vor allem um die Entdeckung von Gemeinsamkeiten – und die Vermeidung einer allzu schnellen Aufdeckung unüberbrückbarer Unterschiede (z. B. in Bezug auf politische oder religiöse Einstellungen). „Gleich und gleich gesellt sich gern“ gilt also nicht nur für romantische Beziehungen, sondern insbesondere für Freundschaften. Ohne ausreichend viele gemeinsame Interessen und Einstellungen fehlt einer Freundschaft die Basis – wir haben dann wenig, was wir mit dem Freund teilen könnten. Nur wenn sich Personen gegenseitig als „belohnend“ empfinden, wird es zu weiteren Treffen kommen. Wenn wir jemanden einladen, dann gehen wir auch das Risiko einer Ablehnung ein. Das positive Gefühl, wenn unser Interesse von anderen geteilt wird, weicht schnell Enttäuschung oder sogar Beschämung, wenn wir auf Ablehnung stoßen.

Freundschaften entwickeln sich also mehr oder weniger schnell. Dies hängt auch von den Persönlichkeiten der potentiellen Freunde ab. Wer eher schüchtern und zurückhaltend ist, wird möglicherweise extrovertierte Freunde besonders attraktiv finden, weil sie auf ihn zugehen und bei der Überwindung sozialer Hemmungen hilfreich sind. In dieser Hinsicht können sich bei Freundschaften also auch „Gegensätze anziehen“ (vgl. Heidbrink, 2009, S. 45f).

Wright (1984) hält die gegenseitige Abhängigkeit und die Wertschätzung der Individualität für die konstituierenden Faktoren einer Freundschaftsbeziehung (vgl. Selmans 4. Stufe). Freundschaften dienen also auch der positiven Bewertung und Entwicklung des eigenen Selbst. Trotzdem achten wir in Freundschaften durchaus auf eine ausgewogene Kosten-Nutzen-Bilanz, wobei diese natürlich subjektiv geprägt ist. Die Reziprozität innerhalb von Freundschaften bezieht sich nicht nur auf Handlungen, sondern auch auf gegenseitige Zuneigung, Beistand, Unterstützung sowie Bewertungen und Interpretationen. Sowohl die eigenen als auch die Präferenzen des anderen bestimmen die austauschtheoretischen Umrechnungskurse innerhalb von Freundschaften. Zumindest in den elaborierteren Freundschaftskonzepten geht es vorrangig nicht um den Austausch von materiellen Gütern oder physische Unterstützung, sondern um gegenseitiges Vertrauen, um den Austausch von Gefühlen mit dem Ziel des „positiven Selbsterlebens“ (Lambertz, 1999, S. 39).

Lambertz (1999) hat mit Hilfe eines standardisierten Freundschaftstagebuches Stimmungsverläufe in Frauenfreundschaften untersucht. Insgesamt sechs Freundinnenpaare füllten über einen Zeitraum von jeweils drei Monaten das weitgehend standardisierte Tagebuch täglich aus. Hierbei wurde nicht nur die eigene Stimmung, sondern auch die vermutete Stimmungslage der Freundin erhoben. Die statistische Auswertung erfolgte über Techniken der Zeitreihenanalyse. Die gemeinsamen Aktivitäten bestanden in den meisten Fällen aus Gesprächen. Vertrauen und die Möglichkeit, sich aussprechen zu können, wurden als zentrale Inhalte der Freundschaft herausgestellt. Materielle Hilfeleistungen (z. B. Kinderbetreuung) kamen selten vor, auch Kritik an der Freundin wurde selten geäußert.
In der Regel konnte sich eine Freundin in die Stimmungen der anderen deutlich besser einfinden. Missstimmungen und Ärger – obwohl selten – wurden deutlich besser wahrgenommen als positive Stimmungen. Interessanterweise gab es nur wenig Übereinstimmung zwischen Selbst- und Fremdeinschätzungen
Es bestand eine große Neigung, von den eigenen Empfindungen auf die der Freundin zu schließen. Lambertz (1999, S. 210 f.) beobachtete bei den Freundinnen einen „falschen Konsensuseffekt“: „Sie nehmen an, daß die andere genauso empfindet wie sie selber und diese wahrgenommene Ähnlichkeit scheint für die Beziehung wichtiger zu sein als eine tatsächliche Übereinstimmung“. Jede der Freundinnen glaubt fälschlicherweise, dass die andere so fühlt wie sie selbst. Hieraus resultiert ein illusionäres Gefühl gegenseitigen Verstehens, das die tatsächlichen Stimmungen allerdings nicht beeinträchtigt und auch in der Freundschaftsbeziehung nicht zu Konflikten zu führen scheint.

Frauen- und Männerfreundschaften

In Anlehnung an Wright (1982) werden Männerfreundschaften aufgrund der häufig zentralen gemeinsamen Aktivitäten als „side-by-side“ und Frauenfreundschaften aufgrund ihrer hohen Gesprächszentriertheit als „face-to-face“ charakterisiert.
Schobin (2013) stellt über einen Vergleich von Freundschaftsratgebern fest, dass sich ein „feminines Freundschaftsideal“ etabliert habe:
„Während Anfang der 1990er Jahre noch hauptsächlich männliche Autoren darüber schrieben, wie man gemeinsam mit seinen Freunden erfolgreich sein kann, sind die Autoren heute meist weiblichen Geschlechts. Und ihnen geht es nicht mehr darum, im Leben etwas zu erreichen, sondern um die besondere Beziehung zur Freundin. War Freundschaft damals der Weg zu Erfolg, Glück und Einfluss, so lautet die neue Losung Weil wir Freundinnen sind“ (S. 9).

Dieser Wandel im veröffentlichten Freundschaftsideal korrespondiert mit Ergebnissen empirischer Studien. Frauenfreundschaften werden im Vergleich zu Männerfreundschaften als intensiver und zufriedenstellender angesehen. So stellte Maurer (1998) fest, dass Frauen differenziertere Vorstellungen über Freundschaften haben und auch zufriedener mit ihren Freundschaften sind. Pfisterer (2006) konnte mit einer deutschen Version des Freundschaftsfragebogens (ADF) zeigen, dass Frauen sowohl ihre engen als auch ihre lockeren Freundschaften positiver bewerten als Männer.

Akdogan (2012) überprüfte mit dem ADF die Vermutung von Eberhardt und Krosta (2004), dass die häufig gefundenen Geschlechtsunterschiede auf Milieuunterschiede zurückzuführen sind. Akdogan konnte zeigen, dass die Geschlechtsunterschiede in der von ihm untersuchten (nicht repräsentativen) Stichprobe in einem von drei Milieus (bei den sog. „Hedonisten“) deutlich reduziert waren. Dieses Ergebnis korrespondiert mit den Befunden von Eberhardt und Krosta (2004), die aufgrund von qualitativen Analysen zu dem Schluss kommen, dass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im „Unterhaltungsmilieu“ geringer sind als im „Selbstverwirklichungsmilieu“.
Es spricht also einiges für eine Milieugebundenheit von geschlechtsspezifischen Freundschaftsunterschieden, wobei allerdings repräsentative Studien hierzu bislang fehlen.

Freundschaft und Internet

Becker (2011, S. 43 f.) stellt fest, dass frühe Studien zu sozialen Beziehungen im Internet das Bild einer Verarmung und Verschlechterung persönlicher Beziehungen entwarfen (z. B. Kraut et al., 1998). Mittlerweile stellt sich die Situation allerdings differenzierter dar. Neuere Studien (z. B. Kujath, 2011) zeigen, dass sich die zunächst gefundenen Unterschiede zwischen Online- und Offline-Beziehungen im Laufe der Zeit nivelliert haben, insbesondere bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen.
Giemsa (2011) ließ 243 Studierende Online- und Offline-Freundschaften über Polaritätsprofile einschätzen. Hierbei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Freundschaften, weder in Bezug auf enge noch auf lockere Freunde. Giemsa führt dies auch auf den Umstand zurück, dass sich heute Offline- und Online-Freundschaften nur noch schwer trennen lassen, da auch zwischen ursprünglichen Offline-Freundschaften Kontakt über soziale Netzwerke (insbesondere Facebook) gehalten wird.

Insgesamt scheint die Anzahl „reiner“ Online-Freundschaften in der Öffentlichkeit weit überschätzt zu werden. Becker (2011) kommt nach Durchsicht aktueller Studien zu dem Schluss, dass Freundschaften, die ausschließlich über die Nutzung von sozialen Netzwerken im Internet geschlossen werden, selten zu finden sind. Netzwerke wie Facebook dienten vor allem der computervermittelten Pflege und Auffrischung bestehender Freund- und Bekanntschaften über räumliche Entfernungen hinweg. Interessant ist allerdings, dass sich bei reinen Online-Freundschaften in einigen Studien ein unerwartet hoher Anteil gegengeschlechtlicher Beziehungen zeigte. Becker vermutet, dass soziale Netzwerke normative Restriktionen gegenüber gegengeschlechtlichen Beziehungen vermindern und mehr Gelegenheiten für diese schaffen (S. 46 f.).

Freundschaft und Gesundheit

Es gibt zahlreiche Studien, die auf einen positiven Zusammenhang zwischen Freundschaft und Wohlbefinden hinweisen (vgl. Bliezner & Adams, 1992; King & Terrance, 2008; Larson, Mannell & Zuzanek, 1986; Nussbaum 1994; Steptoe, A. et al., 2013). In einer Metaanalyse auf der Basis von 148 Längsschnittstudien (die durchschnittliche Dauer der Studien lag bei 7,5 Jahren) mit insgesamt 308.849 Teilnehmern wurden die Auswirkungen fehlender sozialer Beziehungen mit Gesundheitsrisiken wie Rauchen, Alkoholkonsum und Übergewicht verglichen (Holt-Lunstad, Smith & Layton, 2010). Das Ergebnis: Personen mit zufriedenstellenden sozialen Beziehungen hatten eine deutlich höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Berechnet wurde eine relativ hohe Effektstärke (Odds Ratio = 1,5), die in etwa dem gesundheitlichen Risiko durch das tägliche Rauchen von 15 Zigaretten entspricht. Einsamkeit übersteigt sogar Risiken, die mit körperlicher Inaktivität und starkem Übergewicht verbunden sind. Möglicherweise sind die tatsächlichen gesundheitlichen Risiken sogar noch höher, da die Autoren darauf hinweisen, dass in vielen Studien nur einfache Maße zur Erhebung der sozialen Integration verwendet wurden und die einzelnen Effektstärken mit der Komplexität der verwendeten Erhebungsverfahren stiegen. Die Zusammenhänge zwischen dem sozialen Umfeld und Gesundheit scheinen weitgehend altersunabhängig zu sein, d. h. sie betreffen nicht nur alte Menschen. Interessanterweise war ein funktionierender Freundes- und Bekanntenkreis für die positiven gesundheitlichen Auswirkungen wesentlich, die Tatsache, ob jemand allein oder mit anderen zusammenlebte, war nicht ausschlaggebend.
Sicherlich sind in derartigen Studien die kausalen Zusammenhänge nie gänzlich zu klären. So ist es durchaus plausibel, dass sich gesundheitliche Einschränkungen ihrerseits negativ auf soziale Beziehungen auswirken. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass in den meisten der berücksichtigten Studien die Teilnehmenden zu Beginn gesund waren und der gesundheitliche Status zu Beginn der Studien keinen moderierenden Effekt auf die Überlebenswahrscheinlichkeit hatte (Holt-Lunstad, Smith & Layton, 2010, S. 9).

Die genauen Mechanismen, die den Einfluss sozialer Beziehungen auf das körperliche Wohlbefinden erklären könnten, sind bislang weitgehend ungeklärt. Erste Hinweise geben Untersuchungen wie die von Chen et al. (2011), die zeigen, dass das Hormon Oxytocin eine Rolle bei der stressreduzierenden Wirkung der Anwesenheit von Freunden spielen könnte.

Das Ende der Freundschaft

In vielen Fällen werden Freundschaften nicht explizit beendet. Freunde treffen sich mit der Zeit immer weniger häufig, sie verlieren sich aus den Augen, wobei dies nicht einmal mit dem Gefühl einhergehen muss, dass die Freundschaft nicht mehr besteht. Häufig geht der Verlust von Freunden mit einer Veränderung in den Lebensumständen einher, wenn beispielsweise eine Freundin heiratet und Kinder bekommt (vgl. Marbach, 2007, S. 81). Die für das Weiterbestehen von Freundschaften notwendigen gemeinsamen Interessen können sich durch veränderte Lebensumstände familiärer bzw. beruflicher Art reduzieren und letztlich dazu führen, dass Freundschaften „auslaufen“.
Fragt man nach besonderen Gründen, warum Freundschaften beendet wurden, werden vor allem Verletzungen von bestimmten „Freundschaftsregeln“ genannt. Argyle und Henderson (1990, S. 96 ff.) bekamen in einer Befragung vor allem folgende Gründe für das Zerbrechen von Freundschaften genannt: Eifersucht, Kritik an Beziehungen zu Dritten, Weitergabe von Vertraulichem, fehlende Hilfe, mangelndes Vertrauen, öffentliche Kritik, fehlende positive Wertschätzung. Deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen fanden sich nicht, allerdings gaben Frauen häufiger fehlende Wertschätzung und mangelnde emotionale Unterstützung als Beendigungsgründe an (vgl. Heidbrink, 2009, S. 46 f.).

Literatur

Akdogan, Y. (2012). Frauen- und Männerfreundschaften – Ähnlich oder doch ganz anders? Bachelorarbeit. Hagen: Fernuniversität.

Argyle, M. & Henderson, M. (1990). Die Anatomie menschlicher Beziehungen. München: mvg. 

Auhagen, A. E. (1991). Freundschaft im Alltag. Eine Untersuchung mit dem Doppeltagebuch. Bern, Stuttgart: Huber. 

Auhagen, A. E. (1993). Freundschaft unter Erwachsenen. In A. E. Auhagen, & M. von Salisch (Hrsg.). Zwischenmenschliche Beziehungen. Göttingen: Hogrefe.

Baier, B., Pfeiffer, C., Simonson, J. & Rabold, S. (2009). Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt.Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.

Becker, S. (2011). Freundschaft 2.0 – Veränderungen enger informeller Beziehungen durch die Nutzung von Social Media. Bachelorarbeit. Hagen: Fernuniversität.

Bliezner, R. & Adams, R. G. (1992). Adult Friendship. Newbury Park: Sage.

Chen, F. S., Kumsta, R., von Dawans, B., Monakhov, M., Ebstein, R. P. & Heinrichs, M. (2011). Common oxytocin receptor gene (OXTR) polymorphism and social support interact to reduce stress in humans. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108 (50), 19937–19942.

Deresiewicz, W. (2009). Faux Friendship. The Chronicle of Higher Education. http://chronicle.com/article/Faux-Friendship/49308/

Eberhard, H.-J. & Krosta, A. (2004). Freundschaften im gesellschaftlichen Wandel. Eine qualitativ-psychoanalytische Untersuchung mittels Gruppendiskussionen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag DUV.

Fatke, R. & Valtin, R. (1988). Wozu man Freunde braucht. Psychologie Heute15 (4), 22–29. 

Giemsa (2011). Zur subjektiven Empfindung des Freundschaftsbegriffs. Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Online- und Offlinefreunden. Bachelorarbeit. Hagen: Fernuniversität.

Heidbrink, H. (2008). Einführung in die Moralpsychologie. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Weinheim: Beltz.

Heidbrink, H. (2009). Face-to-Face und Side-by-Side: Frauen- und Männerfreundschaften. Ergebnisse der psychologischen Freundschaftsforschung. In E. Labouvie (Hrsg.). Schwestern und Freundinnen. Zur Kulturgeschichte weiblicher Kommunikation (S. 35–57) Köln: Böhlau Verlag.

Holt-Lunstad, J., Smith, T. B. & Layton, J. B. (2010). Social relationships and mortality risk: a meta-analytic review. PLOS Medicine, 7(7), e1000316. 

Infratest (2009). Wie viele enge Freunde haben Sie? Sozio-oekonomisches Panel 2008 (SOEP). Statista http://de.statista.com/statistik/daten/studie/179799/umfrage/anzahl-enger-freunde/

King, A. R., & Terrance, C. (2008). Best friendship qualities and mental health symptomatology among young adults. Journal of Adult Development, 15, 25–34.

Kolip, P. (1993). Freundschaften im Jugendalter. Der Beitrag sozialer Netzwerke zur Problembewältigung. Weinheim, München: Juventa. 

Kraut et al. (1998) Kraut, R., Patterson, M., Lundmark, V., Kiesler, S., Mukophadyay, T. & Scherlis, W. (1998). Internet paradox. A social technology that reduces social involvement and psychological well-being? American Psychologist, 53, 1017–1031.

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Was ist ein moralisches Dilemma?

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Psychologie
Dilemma

Basiert das Theaterstück „Terror“ überhaupt auf einem echten moralischen Dilemma?

Im letzten Beitrag hier im Blog habe ich meine Zweifel geäußert, dass dem Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach ein echtes moralisches Dilemma zugrunde liegt. Heute will ich Ihnen meine Zweifel näher erläutern:

Überlegen wir zunächst, was ein moralisches Problem zu einem moralischen Dilemma macht. Ein Dilemma ist im Gegensatz zu einem Problem prinzipiell nicht (optimal) lösbar. Ein moralisches Dilemma stellt uns vor zwei Handlungsmöglichkeiten, die beide zu deutlich negativen Konsequenzen führen.

Heinz-Dilemma

Eines der bekanntesten moralischen Dilemmata in der Moralpsychologie ist das sogenannte Heinz-Dilemma von Lawrence Kohlberg, in dem der Protagonist sich in einer besonders problematischen Lage befindet:

„In einem fernen Land lag eine Frau, die an einer besonderen Krebsart erkrankt war, im Sterben. Es gab eine Medizin, von der die Ärzte glaubten, sie könne die Frau retten. Es handelte sich um eine besondere Form von Radium, die ein Apotheker in der gleichen Stadt erst kürzlich entdeckt hatte. Die Herstellung war teuer, doch der Apotheker verlangte zehnmal mehr dafür, als ihn die Produktion gekostet hatte. Er hatte 200 Dollar für das Radium bezahlt und verlangte 2000 Dollar für eine kleine Dosis des Medikaments.

Heinz, der Ehemann der kranken Frau, suchte alle seine Bekannten auf, um sich das Geld auszuleihen, und er bemühte sich auch um eine Unterstützung durch die Behörden. Doch er bekam nur 1000 Dollar zusammen, also die Hälfte des verlangten Preises. Er erzählte dem Apotheker, dass seine Frau im Sterben lag, und bat, ihm die Medizin billiger zu verkaufen bzw. ihn den Rest später bezahlen zu lassen. Doch der Apotheker sagte: „Nein, ich habe das Mittel entdeckt, und ich will damit viel Geld verdienen.“ – Heinz hat nun alle legalen Möglichkeiten erschöpft; er ist ganz verzweifelt und überlegt, ob er in die Apotheke einbrechen und das Medikament für seine Frau stehlen soll“ (Kohlberg, 1995).

Soll Heinz das Medikament stehlen und damit seine Frau retten? Oder soll er den Diebstahl unterlassen und seine Frau sterben lassen? Wie würden Sie sich an seiner Stelle entscheiden?

Heinz hat nicht die Möglichkeit, seine Frau zu retten und den Apotheker zufrieden zu stellen. Für ihn gibt es nur zwei suboptimale Auswege: entweder den Apotheker zu bestehlen und seine Frau zu retten oder auf den Diebstahl zu verzichten und seine Frau sterben zu lassen. Ein moralisches Dilemma hat also die Form eines Aversions-Aversions-Konfliktes – die Wahl zwischen Skylla und Charybdis.

Allerdings haben die meisten Versuchspersonen eine mehr oder weniger deutliche Präferenz für eine der beiden Möglichkeiten. Vielleicht haben Sie beim Lesen der Geschichte spontan gedacht, dass Heinz das Medikament stehlen solle, weil er seine Frau doch nicht sterben lassen dürfe. Oder es ist für Sie unvorstellbar, vermummt und mit einem Brecheisen bewaffnet in eine Apotheke einzubrechen. Unter keinen Umständen, auch nicht, wenn es um Leben oder Tod Ihrer Ehefrau geht.

Wichtiger als die Entscheidung ist ihre Begründung

Moralpsychologisch ist es übrigens weniger interessant, wie Sie sich entscheiden, sondern viel wichtiger, warum Sie sich so entscheiden, wie Sie sich entscheiden. Die Gründe für einen Einbruch können genauso vielfältig sein wie diejenigen gegen ihn.

Was halten Sie von dem Argument, er dürfe das Medikament nicht stehlen, weil er für den Diebstahl bestraft werden könnte? (1) Vermutlich haben Sie den Eindruck, dass diese Begründung der Situation von Heinz nicht ganz gerecht wird. Soll er seine Frau sterben lassen, nur weil er eine Bestrafung fürchtet? „Er sollte das Medikament stehlen, aber dafür sorgen, dass man ihn nicht schnappt.“ (2) Auch bei diesem Argument ist uns nicht ganz wohl, da es sich wie das erste ausschließlich mit der Frage der Bestrafung beschäftigt.

„Man kann ihn nicht für etwas tadeln, was er aus Liebe zu seiner Frau tut, eher sollte man ihn tadeln, wenn er seine Frau nicht genug lieben wurde, um ihr helfen zu wollen.“ (3) Nicht die möglichen Konsequenzen, sondern die Motive stehen jetzt im Vordergrund: Wenn Heinz seine Frau liebt, wird er einbrechen, wenn er nicht einbricht, liebt er sie zu wenig. „Man kann nicht zulassen, dass jedermann stiehlt, wenn er verzweifelt ist. Der Zweck mag gut sein, aber der Zweck heiligt nicht die Mittel.“ (4) Ist dies tatsächlich so? „Das Medikament zu stehlen ist zwar nicht richtig, aber es ist gerechtfertigt.“ (5)

Diese Argumente unterscheiden sich also nicht nur in ihrem Urteil für oder gegen den Diebstahl, sondern auch in ihrer moralischen „Qualität“. Auf dem Hintergrund der Theorie von L. Kohlberg können wir sie unterschiedlichen moralischen Urteilsstufen zuordnen (ich habe diese Stufen hier beschrieben, wobei die Zahlen oben die Zuordnung zu den Stufen verdeutlichen).

Nach Kohlberg muss ein moralisches Dilemma auf jeder der moralischen Urteilsstufen sowohl eine Pro- als auch eine Contra-Begründung zulassen. Die Konsequenz: Allein aus der Entscheidung für Pro oder Contra kann man noch nicht auf die moralische „Qualität“ dieser Entscheidung schließen. Man muss also erst die Begründung kennen.

Moralische Dilemmata sind fiktive, konstruierte Geschichten

Moralische Dilemmata wie das Heinz-Dilemma sind fiktive, konstruierte Geschichten. Sie spielen irgendwo „in einem fernen Land“, in dem es keine Krankenversicherung gibt und man einen Apotheker nicht wegen unterlassener Hilfeleistung anklagen kann. Moralische Dilemmata sind künstlich und lebensfremd – mit Absicht!

Alle denkbaren Möglichkeiten – und seien sie noch so unwahrscheinlich – dem Dilemma zu entgehen, sollen hierdurch ausgeschlossen werden.

Beim Stück von Ferdinand von Schirach ist dies anders. Warum wird das Stadion mit den 70.000 Menschen nicht einfach geräumt? Statt über den moralischen Kern der Geschichte zu grübeln, könnte man auch über die vergebenen Chancen einer „technischen“ Lösung nachdenken – dann wäre es nur ein vermeintliches Dilemma.

Recht und Moral

Ist der Abschuss des Passagierflugzeugs wirklich verboten? Oder kann sich der Pilot auf einen „übergesetzlichen Notstand“ berufen? Was hat das Bundesverfassungsgericht 2006 genau entschieden? Ist das Handeln des Piloten überhaupt von diesem Urteil betroffen? Auf diesem Weg kann man der moralischen Frage durch eine juristische Diskussion entgehen.

Am 17.10.2016 entschieden sich von den Zuschauern der ARD 87 Prozent für den Freispruch des Piloten. Diese deutliche Mehrheit für eine der Alternativen lässt annehmen, dass die meisten Zuschauer die Entscheidung des Gerichts nicht als ein unlösbares Dilemma empfunden haben.

Im Stück geht es nicht um die Entscheidung des Piloten, also nicht darum, ob er das Flugzeug abschießen sollte oder nicht. In diesem Fall würde das Stück in der Flugzeugkanzel spielen und kurz vor dem Moment abbrechen, an dem es die letzte Möglichkeit gegeben hätte, die Abschussraketen auszulösen.

Von Schirachs Stück konstruiert demgegenüber die Gerichtsverhandlung nach vollzogener Tat. Also so, als hätte Heinz den Einbruch begangen und müsste sich nun vor Gericht hierfür verantworten. In Bezug auf das eigentliche moralische Dilemma erfolgt hierdurch eine „Problemverschiebung“.

Das Gericht muss gar nicht entscheiden, ob der Pilot richtig oder falsch gehandelt hat. Es muss nur entscheiden, ob er sich strafbar gemacht hat.

Vor allem darf ein Gericht nicht vorrangig moralisch argumentieren. Es muss seine Urteile rechtlich begründen – in Bezug auf die Stufen Kohlbergs ist es also zumindest der Stufe 4 („Recht und Ordnung“) verpflichtet.

 

Bildnachweis: Henry Fuseli [Public domain or Public domain], 
via Wikimedia Commons
Literaturhinweis

Kohlberg, L. (1995). Die Psychologie der Moralentwicklung. 
Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Terror von Ferdinand von Schirach

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Kurzmitteilung / Psychologie
Trolley Problem

Ein moralpsychologisches Lehrstück?

Die ARD hat am 17.10.2016 das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach abends zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Die Zuschauer hatten dann – wie im Theaterstück – die Möglichkeit, ihr eigenes Urteil abzugeben (wobei viele wohl aufgrund technischer Probleme der ARD weder telefonisch noch per Internet zur Stimmabgabe kamen – ich habe es auch nicht geschafft).

Der Inhalt des Stücks dürfte bekannt sein – ein Kampfpilot schießt ein mit 164 Passagieren besetztes Flugzeug ab, das von einem Terroristen entführt wurde und ein mit 70.000 Menschen besetztes Fußballstadion ansteuert. Im Stück wird die Gerichtsverhandlung dargestellt und die Zuschauer dürfen über das Urteil entscheiden: Soll der Pilot wegen 164fachen Mordes verurteilt oder freigesprochen werden?

Der Bundesrichter Thomas Fischer hat auf in seinem Blog auf Zeitonline das Stück (nicht nur) aus juristischer Sicht massiv kritisiert. Seine Argumente zum Zusammenhang von Schuld und Recht sind erhellender als das gesamte Stück.

„Weil das Stück von Schirach die Unterscheidung zwischen Unrecht und Schuld fast vollständig unterschlägt, unterschlägt es auch die Tatsache, dass die Lösung des Dilemmas keineswegs nur „jenseits des Rechts“, also irgendwo im Reich der höchstpersönlichen, beliebig „abstimmbaren“ Moral gefunden werden kann, sondern dass es gerade das Recht ist (und sein muss), das sich die am weitesten gehenden und überzeugendsten Gedanken zu solchen Problemen gemacht hat“ stellt Fischer in seinem Blog fest.

Ich bin mir nicht sicher, ob das Recht sich die „am weitesten gehenden und überzeugendsten Gedanken“ gemacht hat (falls sich das Recht überhaupt Gedanken macht). Plausibel ist aber, dass die juristische Lösung des Falles durchaus möglich ist. Dies zeigt auch das im Fernsehstück dann gespielte Urteil, in dem der Richter plötzlich den „übergesetzlichen Notstand“ aus dem „Fernsehzylinder zaubert“ (Fischer).

So wie sich der Jurist Fischer über die rechtlichen Unzulänglichkeiten des Stückes ärgert, ärgere ich mich über die verpasste Chance, einem Millionenpublikum ein faszinierendes moralisches Dilemma zu präsentieren.

Das Abstimmungsergebnis (87% der Zuschauer votierten für „Freispruch“) zeigte deutlich, dass für die meisten gar kein Dilemma vorlag, sondern alles für die „Freispruch-Alternative“ sprach (für die ich übrigens auch gestimmt hätte). Wenn ein moralisches Problem keinen Dilemmacharakter hat, dann ist es als Grundlage einer spannenden Diskussion nur wenig geeignet. Dilemma bedeutet ja, dass es keine zufriedenstellende Lösung gibt, sondern nur zwei (oder mehrere) suboptimale Lösungen: Wie man sich auch entscheidet, man macht immer etwas falsch. Ein ideales moralisches Dilemma sollte auf jeder moralischen Urteilsstufe (siehe meinen Beitrag vom 29.9.2016) eine Begründung für beide Alternativen zulassen. Dies kann man in Schirachs Stück allenfalls für den Piloten annehmen, aber leider nicht für den Zuschauer in der Rolle eines Schöffen.

Bei Hart aber fair stand Gerhart Baum mit seiner Ablehnung des Freispruchs daher auf verlorenem Posten.

Die typischen Requisiten moralpsychologischer Forschung kamen übrigens fast alle im Stück vor: das sog. Trolleydilemma („Soll man die Weiche umstellen, wenn statt fünf dann nur ein Mensch getötet wird?“), Kants Aufsatz zum „Lügen“, die moralische Intuition. All dies wurde aber nur angedeutet und wurde nicht weiter vertieft.

* Abbildung von McGeddon - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52237245

Wie kommt die Moral in den Menschen? Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung

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Psychologie

Wie entwickeln sich unsere Vorstellungen von „Richtig“ und „Falsch“, von „Gut“ und „Böse“? Kommen wir mit einem „Moralsinn“ auf die Welt? Oder sind wir ethisch gesehen unbeschriebene Blätter, die nur darauf warten, von den Erwachsenen ausgefüllt zu werden?

Vermutlich ist beides falsch. Wir werden nicht mit einem Sinn für das Moralische geboren, aber wir sind auch keine leeren Wachstafeln. Einige wichtige Voraussetzungen für die Unterscheidung von Gut und Böse beherrschen wir schon sehr früh. Bevor wir überhaupt sprechen können, unterscheiden wir Lebewesen von toter Materie. Wir sehen den Unterschied zwischen „Bewegen“ und „Bewegt werden“ – eine wichtige Vorbedingung, um Täter von Opfern zu unterscheiden. Bereits mit neun Monaten bevorzugen wir nicht nur diejenigen, die unsere Vorlieben teilen, sondern auch diejenigen, die uns in unseren Abneigungen ähnlich sind.

Nach Jean Piaget ist unsere Welt in den ersten Lebensjahren egozentrisch: Wir sind ihr Mittelpunkt und wir sehen sie noch nicht mit den Augen der anderen. Moralisch gesehen hat dies auch Vorteile: Wir können noch nicht lügen! Wer einem Dreijährigen bei den ersten Täuschungsversuchen zuschaut, versteht, dass die kindliche Unschuld auf kognitivem Unvermögen beruht. Erst wenn Kinder verstehen, was andere denken und wünschen, können sie erfolgreich täuschen. Aber nicht nur die Lüge, auch die Wahrheit funktioniert nicht ohne den Verstand.

Wie entwickeln sich unsere Vorstellungen von Moral im Laufe unseres Lebens? Der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg hat diese Entwicklung in Stufen eingeteilt.

Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung

1. Lohn und Strafe

Woher wissen wir überhaupt, was richtig und falsch, was gut und böse ist? Da uns dies Wissen nicht in die Wiege gelegt wurde, erfahren wir es von den Älteren. Aber was für eine Art von Wissen vermitteln die Älteren uns? Vieles bezieht sich auf konkrete Situationen: Das darfst du nicht! Dies musst du so machen! Warum? Weil es nicht erlaubt ist. Weil es böse ist. Weil du dem anderen nicht wehtun sollst. Weil er dann traurig ist. Weil er dann nicht mehr mit dir spielen will.

Aus den elterlichen Ge- und Verboten destillieren wir als Kinder die moralische Regel: Was verboten ist, wird bestraft. Was bestraft wird, ist böse! Was belohnt wird, ist gut! Auf die Konsequenzen kommt es an, nicht auf die Intentionen.

2. Zweckdenken

Aber wir entwickeln uns schnell weiter. Wir fangen an zu verstehen, wie die Anderen denken, welche Wünsche und Ziele sie haben. Wir lernen, dass wir gewinnen, wenn wir schneller, cleverer oder tüchtiger sind. Aber auch, dass wir verlieren, wenn die Konkurrenz besser ist! Wenn wir schneller sind, gehört der Preis uns – zu Recht.

Gut ist, was erfolgreich ist. Wenn die Älteren die Kleinen vom Fußballplatz vertreiben, dann machen sie es, weil sie es können. Wenn die Kleinen ihr Spielfeld mit Hilfe des Platzwartes zurück erobern, dann ist auch dies okay, weil es erfolgreich war. Was richtig ist, steht nicht am Anfang fest, sondern erst am Ende. Wenn die Älteren die Kleinen rachsüchtig verprügeln, wendet sich das Blatt ja wieder. Am besten wir rechnen mit allem und bleiben wachsam!

3. Übereinstimmung mit anderen

Im Jugendalter werden wir konventionell – unsere Moral orientiert sich an sozialen Normen. Wir möchten so sein wie die anderen. Richtig ist, was die Clique denkt. Richtig ist, was die Familie denkt. Und hoffentlich denken alle in die gleiche Richtung. Falls nicht, müssen wir Familie und Freunde auseinander halten. Die Freunde helfen uns, zu uns selbst zu finden, uns von den Eltern zu lösen, erwachsen zu werden.

Die Normen der Gruppe werden zu den eigenen. Die Sicherheit der Gruppe hat allerdings auch ihren Preis: Es fällt dem einzelnen schwer, Ungerechtigkeiten zu erkennen, die von der Gruppe getragen werden. Dies würde einen von der Gruppe unabhängigen Standpunkt erfordern, der auf dieser Stufe noch nicht erreicht ist.

Die Angst vieler Eltern, ihr Kind könnte als Jugendlicher in „schlechte Gesellschaft“ geraten, zeigt, dass die Gesellschaft diesen Gruppendruck, dem gerade Jugendliche unterliegen, gut kennt. Dabei werden die realen Gefahren allerdings häufig überschätzt und die notwendigen Entwicklungschancen unterschätzt – aber das ist ein anderes Thema. So bizarr und „unkonventionell“ das Aussehen vieler Jugendlicher aus erwachsener Sicht auch erscheinen mag, so konventionell ist im Grunde ihr Denken: Richtig ist, was die Clique für richtig hält.

4. Recht und Ordnung

Die Moral der Gruppe stößt in pluralistischen Gesellschaften schnell an Grenzen – was ist richtig, wenn für jede unserer Rollen andere Regeln gelten? Wer Werte über die Grenzen von Gruppen hinweg managen möchte, braucht eine übergeordnete Perspektive. Ganz einfach ist dieser Schritt nicht – Helmut Kohl verweigerte ihn mit dem Hinweis, dass man sein Ehrenwort nicht breche. Die gesellschaftliche Perspektive stellt die Moral auf die Grundlage von Recht, Gesetz und Pflicht.

Stellen wir uns das typische Szenario eines Western vor:

Ein gottverlassener Ort wird von den Männern eines reichen Ranchers terrorisiert. Eines Tages taucht ein unbekannter Revolverheld auf, den die bedrängten Farmer um Hilfe bitten. Beim ersten Zusammentreffen mit dem Rancher stellt sich heraus, dass beide sich von früher kennen. Hält sich unser Revolverheld eingedenk alter Freundschaft aus der Sache raus oder stellt er sich auf die Seite der Farmer, besiegt den Rancher und sorgt für die Wiederherstellung von „Recht und Ordnung“?

Westernkenner wissen, wie die Sache weitergeht: Nach einem blutigen Showdown mit unzähligen Toten siegt das Recht.

So sehr uns die eigene Familie, Freunde und Kollegen auch am Herzen liegen mögen, unsere moralischen Entscheidungen sollen jetzt den Ansprüchen der Allgemeinheit standhalten. Den Freund also doch verraten? Recht und Gesetz machen unsere Moral nicht unbedingt freundlich und liebenswert, sondern manchmal auch kalt und herzlos.

5. Postkonventionelle Moral

Die Orientierung an der sozialen Norm, am Gesetz oder der Pflicht kann natürlich auch falsch sein. Die jüngere deutsche Geschichte hat hierzu viele Beispiele parat, von den Unrechtsurteilen der Nazizeit bis zu den DDR-Belobigungen für „Mauerschützen“. Können wir eine dem Gesetz übergeordnete Perspektive einnehmen, mit der wir erkennen, wann die Anwendung von Recht zu Unrecht führt? Diese Fähigkeit erwarten wir von unseren Verfassungsrichtern und hoffentlich auch von uns selbst. Dieser Schritt von der „konventionellen“ zur „postkonventionellen“ Moral gelingt uns – wenn überhaupt – erst spät und kann durchaus als Merkmal des Erwachsenseins aufgefasst werden.

 

Anmerkungen:

Dieser Beitrag ist in einer früheren Version in der Evangelischen Kirchentageszeitung vom 1.5.2013 erschienen. Ich danke der Redaktion, dass ich die Inhalte hier im Blog verwenden darf!

Die hier skizzierten fünf moralischen Urteilsstufen beziehen sich auf die Theorie der moralischen Urteilsentwicklung des amerikanischen Psychologen Lawrence Kohlberg (1927–1987). Eine ausführliche kritische Darstellung dieser Theorie findet sich z. B. in meinem Buch „Einführung in die Moralpsychologie“, Weinheim: Beltz, 2008.